Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3948575
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Deutsche Malerei. 
IX. Neues Leben. 
der Dichter  Gretchen, Mignon, Julia  in seine Sphäre zu ziehen Und 
mit dem ihm eigenen Stimmnngsgehalt anzufüllen. Auch in figurenreiche Kom- 
positionen überträgt er feine geheimnisvolle Stimmungsromantik, so in sein Frühlings- 
märchen (1873) 11nd seinen Herbstreigen (1875). Von religiösen Darstellungen, 
die er geschaffen hat, seien genannt ,,Es ist vollbracht" (1883) (bei K. N. Lehmann 
in Prag), ,,Ehristus heilt ein Kind" (1885) und ,,Christus vor Jairi Töchterlein", 
das zu seinen hervorragendsten Werken (1877). gehört. "Seine Vers. 1c0n (1874) 
hat durch die merkwürdige Lebendigkeit des Ausdrucks Staunen erregt, nnd das 
Madonnabild, das auf der Münchener Ausstellung 1888 erschien, hat besonders 
im Christus-kinde den visionären Zug der großen italienischen Heiligenbilder. Die 
geistige Richtung des Gabriel Max wird auf viel Widersacher stoßen; aber sicher ist, 
daß seine künstlerischen Eigenschaften groß genug sind, 11m ihm das Recht, er selbst 
zu sein, einzuräumen. Seine Formen sind natnrwahr, seine Zeichnung streng, seine 
Modellierung plastisch. Als Kolorist ist er eine Erscheinung von voller Eigenart; 
seine Farbe entspricht ganz dem Zwielicht der Seelenstimmnngen, die er zu schildern 
pflegt. Herrschend in seinen Bildern ist ein kühler Silberton; seine Palette kennt fast 
nur Halbtöne, die mit uniibertrefflicher Meisterschaft zusammengestimmt sind; ebenso 
ist sein Helldnnkel, das er mit Vorliebe anwendet, von großer Vollkommenheit.  
In Ar11old Böcklin ist der naturalistische Pantheismns der Griechen wieder zu 
künstlerischem Leben geboren worden. Aber er steht nicht etwa auf den Schultern der 
Griechen, sein Verhältnis zur Natur ist ein ganz elementares. Mit einem Ruck hat 
er seine Kunst von den Fesseln der Geschichte befreit, so voll und ganz, wie es nur 
die kühnsten Jmpressionisten thun. Das gilt von seiner Empfindung, seiner Formen- 
gestaltung, seiner Technik. In leHterer experimentiert er, geht auf Eroberungszüge 
auf eigene Faust aus, um die Mittel für den wahrsten Ausdruck seiner künstlerischen 
Absichten sich zu verschaffen. Arnold Böcklin wurde 1827 zu Basel geboren; er 
studierte in Düsseldorf unter Schirmer, ging nach Brüssel nnd Paris, dann 1850 nach 
Rom. Hier hat auch er sich ganz selbst gefunden, ohne von der Zeit in seiner starken 
Eigenart erkannt zu werden. Er malte nach diesem ersten römischen Aufenthalt fünf 
Bilder in Leimfarben für das Haus des Konsnls Wedekiud in Hanuover, in welchen 
er die Beziehungen des Menschen zum Feuer als geistvoller Poet darstellte. Größere 
Aufmerksamkeit lenkte er mit dem Bilde des ,,Großen Pan", das 1856 auf der Münchener 
Ausstellung erschien, auf sich (Neue Pinakothek). Er kam nun mit Graf Sihack in 
Beziehung, für den eine ganze Reihe seiner besten Schöpfungeu entstand. 1860 
ging Böcklin wieder nach Rom, von 1866 auf 1869 malte er im Treppenhaus des 
Baseler Musenms drei Fresken, die schon sein ganzes kosmogonisches Glaubens- 
bekenntnis gaben: die Verkörperu11g des waltenden Naturgeistes im Wasser, auf der 
Erde, in der Luft. Dann zog er wieder nach Italien zurück, nach Florenz, Rom, um 
sich schließlich in Zürich niederzulassen. Ju seiner früheren Thätigkeit wiegt der Land- 
frhafter vor. Seine künstlerische Stellung zur Landschast ist ähnlich, wie die der 
Klassizisten, er studiert sie in ihren Einzelheiten, um frei im ganzen zu walten. Diese 
Herrschaft über die Natur thut ihm noch mehr not als jenen, da er kühner mit ihr schaltet. 
Die Natur wird lebendig, wie bei Dreher, sie begleitet wie mächtige Musik das Wort, 
das die Wesen, die sie bevölkern, aussprechen. So gleich im ,,Großen Pan"; die schauer-
        

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