Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3947718
Das Sittenbild. 
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künstler den amerikanischen Spottvogel genannt hat. Re1nbrandt hatte es ihm am 
meisten angethan, aber dazu traten doch noch N. Berchem, Ostade, Poelenbnrgh, 
van der Neer, van der Werff, von den Deutschen besonders Elshei1ner und J. H. 
Roos, von den Jtalienern Salvator Rosa, von den Spaniern Murillo, von den 
Franzosen Watteau. Die Weisen aller dieser Künstler singt er, kein Wunder, daß 
er keine eigene gefunden hat. Jm goldenen Zeitalter des Despotismus war dies ein 
köstlicher Mangel: seine Auftraggeber winkten und er citierte die  Gespenster der 
verstorbenen Meister. Ganz universell war er auch den Stoffen gegenüber; er malte 
alles: arkadische Landschaften und Seestürme, Abend- und Morgenbeleuchtungen und 
Feuersbrünste, Gesellschaftsszenen und Schlachtstücke, biblische und legendarische Szenen, 
moderne Reiterstücke und alte Historien (Belisar), Küchen- und Kellerinterieurs, Götter 
und Göttinnen, halb und ganz entkleidete Nymphen, Bacchantinnen, Hirtenmädchen, 
Krieger, Juden, Zahnreißer. Dietrichs Vielgewandtheit wurzelt nicht mehr in der 
Virtuosität, sondern nur noch in akadetnischer Routine, er bleibt wie Seekah in der Nach- 
ahmung ganz äußerlich; bei näherem Zusehen erscheint seine Zeichnung hart, feine 
Modellierung flach, seine Charakteristik leer. Für seine Färbung ist ein schwerer 
brauner Ton bezeichnend. V) 
Der realistische Zug der niederländischen Malerei, das ununterbrochene Studium 
der Wirklichkeit drängten zu.einer selbständigen Behandlung einer Reihe von Stoff- 
gebieten, welche in der altniederländischen Malerei mit dem Geschichtsbilde verschmolzen 
waren. Das Sittenbild errang sich seine ebenbürtige Stellung neben dem Geschichts- 
bild, und in Holland trat es geradezu an dessen Stelle; dazu kam die Landschaft, 
das Tierstück, das StilIleben, das Architekturstück. Die deutsche Malerei hatte, wie 
die niederländische, mit ihrem starken Sinn für die Wirklichkeit eine Fülle von Zügen 
aus Natur und Leben in ihre Heiligenbilder hineingetragen. Der Holzschnitt und 
der Stich waren noch weiter gegangen. Auf Schongauers Blättern z. B. findet man 
genug eigentliche Sittenbilder und auch das Tierstück fehlt nicht. Dürer hat in 
seinen Stichen das Sittenbild besonders gepflegt, in seinen Handzeichnungen und 
Aquarellen aber auch die Landschast und das Stillleben  mögen diese Blätter für 
ihn Studien gewesen sein  in selbständiger Weise behandelt. A. Altdorfer hat mit 
seinen zehn radierten Blättern die Landschast dann überhaupt als selbständige Gattung 
der zeiehnenden Kunst anerkannt. Elsheimer hat es bewiesen, daß diese Keime in 
einer neuen schaffens-kräftigen Kunstperiode auch aufgegangen wären. Doch Elsheimer 
hatte keine Nachfolger, die deutsche Malerei blieb abhängig von der Fremde, und so 
war auch das Stoffinterefse von den äußeren Anregungen abhängig. Wo der ita- 
lienische Einfluß herrschte, traten alle Darstellungsgebiete hinter dem profanen und 
biblischen Geschichtsbilde zurück, die Einflußsphäre der Niederlande und später 
Frankreichs weckte dagegen die Pflege der dort behandelten Stoffgebiete, nur gilt das 
nicht von allen in gleichem Maße. Das Sittenbild hat die stiefmütterlichste Behandlung 
erfahren, wahrscheinlich schon deshalb, weil dem deutschen Volksleben des l7. und 
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Gesundheit, Kraft, Freude fehlten. Es hat sich 
 Beiträge zur Charakteristik und zur Biographie des Malers giebt G. Schlie, Der 
Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg und der Maler C. W. E. Dietrich im Respek- 
toriam f. K. W. IX. (1886), S. 21 ff.
        

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