Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3941105
54 Deutsche Malerei. Ill. Unter der Herrschaft lat.-karoling. 1"1berlieserung. 
Klöster und Bisihofsresidenzen bergen jeHt wie früher die Schreibstuben und Maler- 
werkftätten; hat nun auch die Wanderlust griechischer Mönche manchen Jnsassen in 
die abendländischen und auch deutschen Klöster geliefert, wer wollte gerade in diesem 
vereinzelten Jnsassen jedesmal das künstlerische Genie des Klosters entdecken? Jm 
elften Jahrhundert lassen sich hnndertsiebzehn Fahrten nach dem heiligen Lande zählen, 
die meisten nahmen ihren Weg über Byzanz, nnd doch hat dieser wie nie zuvor lebendige 
Verkehr mit griechischer Kultur kein ersrischendes ernenendes, aber auch kein ab- 
lenkendes Element der dem völligen Verfall zueilenden deutschen Malerei zugebracht. 
Die äußeren Anhaltspunkte fehlen also, die einen bahnweisenden Einfluß des byza1k- 
tinischen Elementes auf die deutsche Malerei erklären könnten; für die Unabhängigkeit 
in der Formensprache, in der Farbenwahl und Farbenstimmung, selbst in der Maltechnik 
werden die Denkmäler selbst Zeugnis ablegen. 
Wenn so die Malerei dieses Zeitraums ihre künstlerischen Grundsätze von der 
karolingischen Malerei herübernimmt, wenn ihre Formensprache aus gleichen Quellen 
schöpft, wenn sie sich auch da, wo die karolingische Malerei schöpferisch austrat  im Orna- 
ment  als der Träger des gleichen Formengeschmacks erweist, so wird es klar, daß ihre 
Bedeutung für die Entwickelung nur darin liegt, die übernommene Formensprache ver- 
edelt, sie aber auch biegsamer gemacht zu haben, was schon durch den leidenschaftlicheren 
Takt, welcher Empfindung und Bewegung eigen war, gefordert wurde  und daß sie in 
der überkommenen Sprache den Ausdruck für eine große Zahl neuer Motive, welche der 
karolingischen Malerei noch fremd waren, gefunden hat. Zunächst erfuhr der biblische 
und legendarische Bilderkreis eine namhafte Erweiterung. Diese Erweiterung kam be- 
sonders dem Neuen Testament zu gute. Wahrscheinlich ist daraus die kirchliche Liturgie 
von maßgebendem Einflusse gewesen. Auch für das Mittelalter bleibt die Lehre der 
Kirchenviiter in Ansehen; die Malerei hat zwar auch einen ornamentalen Zweck, doch 
vor allem einen pädagogischen: sie ist die Bibelschrift für die Analphabetiker. Und 
wie nun die Liturgie der Messe. und des kirchlichen Osfiziums im Jahrescyklus die 
Heilsgeschichte vom Fall bis zur Erlösung feiert, wie sie diese den Gläubigen durch 
den Mund des Predigers verkündet, so soll die Malerei mit ihren Mitteln diese Auf- 
gabe der lehrenden Kirche unterstützen. 
,,Wenn die gläubige Seele zufällig das mittels Zeichnung dargestellte Bild des 
Leidens unseres Herrn gewahr wird, ergreift es sie. Wenn sie betrachtet, welche 
Martern die Heiligen an ihren Leibern erduldet, welche Belohnungen des ewigen 
Lebens sie empfangen, wählt sie die Bahn eines besseren Lebens. Wenn sie sieht, 
wie viel Himmelsfreuden, wie viel Qualen höllischen Feuers es giebt, ermutigt sie 
das Vertrauen auf ihre guten Thaten nnd schlägt die Furcht darnieder bei Betrachtung 
ihrer Sünden"  sagt Theophilns in der Einleitung seiner kunsttechnisc)en Eneyklopädie, 
welche in diesem Zeitraum geschrieben wurde. Die Liturgie war es auch, welche die 
schon von der Karolingerzeit angenommene typologische Anordnung, d. h. die durch 
innere Bezüge bestimmte Gegenüberstellung von Darstellungen aus dem Alten und 
Neuen Testament, durch ihre parallele Anordnung der Lesestücke der Epistel und des 
Evangeliums angeregt hatte, und nun auch weiterhin populär machte. 
Von Darstellungen"aus dem Neuen Testament traten nun die Thaten und Wunder 
Christi in den Vordergrund, die Passion, welcher die karolingische Malerei wenig
        

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