Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3940934
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Deutsche Malerei. Il. Im karolingiscl)en Zeitalter. 
(Evangelisten-Symbole); die untere die Herrlichkeit des Vaters, wobei der Regenbogen 
als ein über Gott Vater gespanntes Tuch charakterisiert wird, dessen Enden zwei der 
Tiere, der Löwe und der Ochs, mit den Zähnen halten, während der Adler darauf zu 
Häupten des Vaters steht, und der Engel (Markus) ein Horn an den Mund setzt.--) 
An der Spitze der Leistungen dieser Schule jedoch steht die Bibel Karls des K-ahlen, 
so genannt, weil sie vom Grafen Vivianns, Vorsteher der Abtei von St. Martin in Tours, 
im Jahre 950 Karl dem Kahlen überreicht wurde (jet;,t Paris, Nationalbibl. lat. 1). 
Ihre künstlerische Ausstattung bezeichnet nicht bloß den Höhepunkt dieser Schule, 
sondern sie ist die reifste Frucht karolingischen Kunstgeistes überhaupt. Nirgends hatte 
die antike und die römische altchristliche Kunst so feste Wurzeln wie hier, in keiner 
andern Schule verfiigte man über einen gleichen Reichtum von Motiven, die den 
verschiedensten Gebieten antiker Kunst entnommen waren. Das hinderte aber nicht, 
daß man der Zeit ließ, was ihr Eigentum war, und an der Mehrung dieses künst- 
lerischen Eigengutes rüstig mitarbeitete. Jn der Ornamentik steht auch hier das 
Pflanzeuornament im Vordergrund; man empfindet es, daß gerade dieses den toten 
Formen am besten den Anschein blühenden organischen Lebens zu verleihen vermag. 
Aber daneben verzichtet man weniger als in der Schule von Mel; auf das Bandwerk; 
für geschickte Verbindung der Randleisten an den zusaminenstoßenden Ecken, als Fiillung 
kleinerer Flächen in wirksamem GegensaH zu Blatt- und Rankenwerk, ja selbst als 
Verzierung der Säulenkapitelle findet es noli) vielfache Verwendung. Auch der 
Tierornamentik entsagt man noch nicht ganz; vereinzelt werden noch Tierköpfe als 
kräftige Abschliisse gebraucht. Der reicheren Aus-stattung, besonders der Kanone-3tafelu, 
wie sie durch orieutalische Muster angeregt in den Schulen von MeH und Rhei1ns 
heimisch wurde, geht man auch hier nicht aus dem Wege. Aber vor Überladuug 
hütet man sich, und der Randleistenorna1nentik kann man sogar den Vorwurf der 
Magerkeit nicht ersparen. Die Kanonestafeln zeigen zwar das System der Ver- 
zierung orientalischer Handschriften, aber die Einzelheiten werden doch zumeist aus 
dem antiken nnd römischen altchristlichen For1neuschaH bestritten. Von den Bogen 
hängen antik geformte Gefäße herab, Lampen, Kronen; zwischen den Bogen sprießen 
Pflanzenstengel und Blumenwerk empor, die Zwickel sind mit Figürchen gefüllt, die 
meist dem Gestaltenkreis der antiken Kunst angehören. Und dies nicht genug; die 
oberen Randbordüren sind ähnlich wie die Bogen ausgestattet, mit Pflanzen- und 
Blumenwerk, aber auch Mit Figürchen besetzt, welche bald dem religiösen Gestalten- 
kreis, bald dem alltäglichen Leben entnommen sind, und dann wie ähnliche Dar- 
stellungen im Ebon- und Lothar-Evangeliar dem Gebiete der Gattungs1nalerei ange- 
V) Die 0pVkUIVPkiic)eII Darstellungen, so wie die zum Buche Exodus stimmen auf das 
genaueste mit den entsprechenden Darstellungen der gleich zu erwähnenden Bibel Karl des Kohlen, 
die zeitlich der Londoner Bibel wenn nicht vorangeht so doch gewiß nicht erheblich später entstand, 
überein. Auch die erkkäkeUdeU Verse sind hier und dort dieselben. Ebenso stimmt hier und 
dort die Anordnung der Majestas d0mini (in der Alcuinbibel etwas vereinfarht), doch ist 
Christus in der Bibel Karl des Kak)IeU Uikk)t wie hier bartlos, sondern biirtig gebildet. Die 
beigeschriebenen Verse sind wieder dieselben. Auch der Stil der Figuren nnd der Ornamentik 
steht der Bibel Karl des Kahlen viel näher als der Bamberger Bibel. Die Widmungsverse genügen 
nicht, den alcuinischen Ursprung zu sichern, sie stellen höchstens fest, daß das betreffende Exemplar 
eine Abschrift der Alcuinschen Textbearbeitung ist.
        

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