Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3945582
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Deutsche Malerei. VlI. Das Zeitalter Dürers und Holbeins. 
gottverleugnenden Priester, den rechtbrechenden Richter, den adeligen Gutsherrn, der 
fiel) von der Arbeit der mißhandelten Untergebenen nährt, den Helden, dessen Daseins- 
spnren Verwüstung und Elend sind. So tritt in den nordischen Todesdarstellnugen 
nicht das tragische, sondern das ironische Element in den Vordergrund. Holbeins d. J. 
Totentanz wird dies am deutlichsten erweisen. 
Aus solcher Anschauung sind die beiden Bilder Baldnngs von 1517 in der 
Kunstsammlung in Basel hervorgegangen, welche den Tod als Würger von Schönheit 
und Jugend vorführe11. Hier und dort wird ein Weib vom Tode angefallen, das 
eine Mal wehrt sie sich schaudernd gegen dessen Kuß, das andere Mal sieht sie ver- 
zweifelnd von dessen Macht sich schon überwältigt. Es sind üppig-schöne Gestalten, 
fast in voller Nacktheit dargestellt; die eine bloß vo11 einem durchsichtigen Schleier 
leicht umflattert, die andere nur unten von dem herabgeglittenen Mantel verhüllt. 
Beide Frauen sind von sehr kräftig runden Formen, die Köpfe zeigen ein volles 
Oval mit starker Entwicklung der Backenknochen und breitem euergischem Kinn; der 
Fleischton bei den Frauen ist etwas blaß mit ins Violette gehendem Schatten; das Haar 
goldbraun; der Tod, den der Künstler nicht als eigentliches Gerippe darstellte, ist von 
kräftigem gelbbraunem Ton. Der Hintergrund ist dunkel. Bald darnach kamen auch 
an ihn Aufträge von Kardinal AlbreGt von Brandenburg. Wer den Vermittler 
spielte, ist unbekannt. Vielleicht hat Grünewald, der doch mit Baldung auch 
persönlich bekannt sein mochte, oder Dürer den Kirchenfürst auf Baldung hingewiesen. 
So malte der Künstler 1520 eine Geburt Christi, die durch das Wappen Albrechts 
als seine Bestellung gesichert ist (Aschaffenburg, Schloß Nr. 264), sie ist von unver- 
gleichlicher Feinheit und Sorgfalt der Durchführung. Jn einer geborstenen Halle kniet 
Maria vor dem Kinde, um das herum vier reizende Engelknäbchen ein Gesangskonzert 
aufführen; Maria zur Seite steht Joseph. Wie auf dem Freiburger Bilde geht das 
Licht von dem Kinde ans und in seinem Widerschein strahlt das Antlitz der Mutter. 
Durch das Thor der Halle hindurch sieht man in die nächtige Landschaft des Hinter- 
grundes; entsprechend der Ferne ist das von der Erscheinung des verkündigenden 
Engels ausstrahlende Licht gedämpft und macht allein die Hirten, welche die Erschei- 
nung anhalten, mit der Herde sichtbar. Poesie der Stimmung und eine von delikatefter 
künstlerischer Empfindung zeugende Ausführung treffen hier zusammen. Ein anderes 
Bild, eine Kreuzigung, wieder mit Monogramm des Künstlers nnd dem Wappen 
Albrechts, ist wohl zu gleicher Zeit entstanden, doch entbehrt es der feinen Durch- 
führung, welche dem ersteren Bilde eigen ist (Aschaffenburg, Schloß Nr. 290). Dagegen 
steht auf der Höhe jenes Bildes eine ,,Heilige Familie" (die Ruhe auf der Flucht?) 
in der Akademie der Künste in Wien, die im übrigen in der Ausführung der Land- 
schaft und in der Komposition auffallend stark an Altdorfer erinnert."t) Eine Dar- 
stellung des Todes der Maria von 1521 (anf der Rückseite der Tafel die Trennung der 
Apostel in reicher Landfchaft) in der Kirche St. Mariä auf dem Kapitol in Köln ist ein 
religiöses Historieubild großen Stils; die Apostel VIII jene! Größe und Würde- wie auf 
dem Freiburger Altar, der Ausdruck der Frauen von ergreifender Kraft, die Pinsel- 
führung hier breit und kühn. Jn den Anfang der zwanziger Jahre gehört auch der 
V) Eine Werkstattwiederholung mit dem gefälschten Monogranim Schänfeleins und der 
wohl auch unechten Jahreszahl 1526 im Germanischen Museum in Nürnberg Nr. 188.
        

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