Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3943778
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Deutsche Malerei. VI. Neue Wege zu alten Zielen. 
der gleiche Gegenstand mit sich bringt. Die einzelnen Motive sind selbständig gestaltet, 
und weisen auch dann auf die gereifte Einsicht eines tüchtigen Künstlers, wenn die 
Ausführung eine minder sichere Hand verrät. Das gilt gleich vom ersten Bild der 
Folge, vom Einzug, wo die edle Gestalt Christi, die M0VkigEN T!)PEU der Apostel- 
der entzückend anmutige Knabe mit dem Palmzweige unten am Thore von Jerusalem 
auf eine sichere Künstlerhand weisen; im -Olbetg" verrät den Meister die prächtige 
Gruppe der schlafenden Jünger, die Energie der Andacht bei Christus, die reiche, 
sorgfältig durchgeführte Landfchaft. Jn der Gefangennahme steht die seelenvolle Schön- 
heit Christi in scharfem Gegensatz zur burlesken Derbheit der Charakteristik der Häscher. 
JU der ,,KkeUzskh1eppung" tritt die Gestalt Christi noch bedeutender in ihrem Adel 
hervor als in dem entsprechenden Blatt der gestochenen Passion (V. 16), wie überhaupt 
die Linien der Komposition hier ruhiger, einfacher als dort sind. Welcher ober- 
rheinische Künstler außer Schongauer wäre dann im stände gewesen, so viel Tiefe 
der Empfindung, solche Energie des Ausdrucks derselben mit einer so gemessenen 
edlen Linienführung, so kunstvollem Aufbau der Gruppe zu verbinden, wie dies in 
der ,,Grablegung" der Fall ist. Und wie weich und edel ist hier der Leichnam 
Christi modelliert! In der ,,Vorhölle" kann das halbwüchsige Engelspaar, das die 
Schleppe des Mantels Christi trägt, mit den anmutigen Himmelsbewohnern des 
Meisters von Liesborn wetteifern. Endlich, in der Darstellung des zweifelnden Thomas, 
welche feine Seelenmalerei: Thomas, ganz leidenschaftliche Sehnsucht, seinen Zweifel 
widerlegt zu finden, Christus mit der Miene liebender Trauer über den Jünger! 
Wirklich schwach ist nur die ,,Kreuzabnahme"  der Ausdruck der Empfindung ist 
hier lahm, bei Magdalena von widerlicher Geziertheit. Die Bilder auf den Rück- 
seiten der Passionstafeln haben sehr gelitten; einzelne  wie die allegorische Dar- 
stellung der unbefleckten Jungfrauenschaft Marias  weisen in ihrer Komposition mit 
Sicherheit auf Schongauer selbst. Die Passion ist ganz in Ol gemalt; wo landschaft- 
liche Hintergründe, wurde der Goldton für die Lust beibehalten. Die Ausführung 
ist ungleichmäßig; der heutige Eindruck ist aber doch vielfach durch die ungeschickte 
Übermalung bestimmt. Jmmerhin bleibt die Thatsache bestehen, daß in mehreren Dar- 
stellungen die Ausführung hinter dem Entwurf zurückgeblieben sei, daß wenig geschulte 
Gesellenhände mit thätig gewesen, und daß die Hand des Meisters nicht immer gleich 
energisch nachgearbeitet habe. Diesen Cyklus aber wegen solcher Ungleichmäßigkeit aus 
der Liste der Werke Schongauers streichen zu wollen, hieße ebenso die künstlerische Art 
Schongauers, wie das System der damaligen Arbeitsführung in Künstlerwerkstätten ver- 
kennen. Rogiers Einfluß tritt in der gemalten Passion schon stark zurück, er läßt sich in 
bestimmten Einzelheiten kaum mehr greifen, mehr dagegen macht fiel) das heimische Element 
breit. Die Häscher, Büttel, Knechte können ihre Blutsverwandtfchaft mit dem verlotterten 
Gesindel, das sich in Jsenmanns Passionsszenen herumtreibt, nicht verleugnen (ein in 
der Werkstätte Jsenmanns "gebildeter Gehilfe, der aber in nichts über Jsenmann hinaus- 
kam, malte Christus im Tempel aus der Rückseite eines der Passionsbilder), doch hat 
Schongauer die Lust an der Karikatur zum mindesten bei der gemalten Passion etwas 
gedämpft, bei aller Häßlichkeit, die er zu Hilfe rief, um das Böse und Gemeine zum 
Ausdruck zu bringen, .die Grenze nie überschritten, wo im anatomischen Sinne die 
Mißgeburt beginnt, wie dies bei Jsenmann öfters der Fall ist. Und um wie viel
        

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