Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3942722
Die Prager Buchmalerei zu Karls IV. Zeit. 
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welches von diesen ausläuft, zeigt nicht das Dornblattmuster, sondern breites, krästiges 
Blattwerk in reicher Farbenpracht, aus welchem die Halbfiguren von Propheten oder 
Altvätern hervorschauen; an den dünnen Stämmen klimmen Engel empor, der untere 
Querstamm wird von Szenen belebt, welche in der Art der Droleries Szenen aus der 
biblischen Geschichte oder aus dem Alltagsleben, oft mit den köstlichsten naiven Zügen 
ausgestattet, vorsühren. Mehrmals erscheint am unteren Rande des Blattes der 
Eigentümer des Buches, Johannes von Neumarkt, mit seinem Wappen. Zu den 
besten Darstellungen gehört die Anbetung der Könige (Bl. 87), Joachim und Anna 
(Bl. 201), der Tod Mariens (Bl. 254) und Anna Selbdritt (Bl. 261b). Mit der 
sauberen, sicheren Formengebung verbindet sich in diesen Darstellungen liebens- 
würdige Wärme der Empfindung, die mit anheimelnden, rein menschlichen Zügen den 
Hergang ansstattete. Die frühere zeichnende Behandlung ist hier schon ganz der 
Ausführung mit dem Pinsel gewichen, die durch wohl verstandene Abstufung 
der Töne bereits den Schein plastischer Rundung zu erzielen vermochte. Die 
Stufenleiter der Töne ist eine umfangreiche; nur so ward es dem Maler schon 
möglich, ungebrochenes Zinnoberrot und leuchtendes Blau anzuwenden, ohne in 
das Grelle und Bunte zu verfallen. Gleiche Trefflichkeit der malerischen Aus- 
führung ist den beiden Vollbildern im Mariale des Arnestus, ersten Erzbischofs von 
Prag (1344-1366): Mariens Opfergang und die Verkündigung, eigen (Prag, 
Böhmisches Museum). Auch die Formen sprechen durch Liebreiz an, zeigen aber 
allerdings bei näherem Zusehen eine sehr mangelhafte Durchbildung.s) Von einer 
minder geschickten Hand wurde das Qrationale des Arnestus mit drei Bildern geschmückt, 
von welchen das eine Christus am Kreuze, das zweite die thronende Madonna und 
das dritte den Eigentümer, den Bischof Aruestus knieend, darstellt (Prag, Böhmisches 
Museum). Dagegen stehen wieder den Bildern des Reisebreviers des Johannes von 
Neumarkt die Miniaturen in dem prächtigen Missale des Johann OHko von Wlaschim, 
des Nachfolgers des Arnestus auf dem bischöflichen Stuhle, nahe (Prag, Bibliothek des 
Metropolitankapitels). In dem 1376 vollendeten Pontisikalbuch des Albert von Stern- 
berg, fünften Bischofs von Leitomischl (in der Bibliothek des Stiftes Strahow bei Prag), 
weckt das stärkste Interesse das Widmungsbild, auf welchem zur Rechten Christi Kaiser 
Karl 1V., zur Linken der Bischof Albert von Sternberg knieen. Daß der Künstler 
darin mit Erfolg Naturwahrheit anstrebte, beweist die Übereinstimmung der Darstellung 
Karls mit anderen verbürgten Bildnissen dieses Kaisers. In den übrigen Darstellungen 
(Jnitialbilder), welche, dem Inhalt des Buches entsprechend, litnrgische Handlungen 
zum Gegenstande haben, zeigt sich bei Trefflichkeit der Mache eine derbere Formen- 
sprache, die immerhin auf die stärkere Einflußnahme der provinziellen Manier zurück- 
zuführen sein dürfte. In den Abbildungen, mit welchen wahrscheinlich noch zu Karls 
Zeit der Jllustrator das von Thomas Stitny (starb kurz nach 1400) in tschechisiher 
Sprache abgesaßte Lehrbuch christlicher Wahrheiten ausstattete (Prag, Universitäts- 
bibliothek, XV1I, A.  tritt ein derber realistischer Zug, namentlich in der Zeich- 
nung der Männerköpfe, noch deutlicher hervor, verbindet sich aber mit dem hösischen 
Sinn für das GefälIige und Anmutige zu hoher poetischer Gesamtwirkung. Auch die 
V) Eine Abbildung der Verkündigung in Lichtdruck im Repertorium für Kunstwissen- 
seh-it. Bd. n. 
        

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