Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3934852
Der sächsische Provinzialismus: Wölbung. 39 
worden, so erfolgt ihre reichere Ausbildung und spätere allgemeine Anwendung 
doch wohl auf Grund neuer von außen herantretender Anregungen. Nur in West- 
falen ist die Entwickelung eine autochthone. Bald nach dem Jahre 1000 beginnen 
dort die Experimente in der Kunst des Wölbeus, die u. a. zu einer eigentüm- 
lichen Abart der ro1nanischen Kirchenform führen: die Basilika ist auf westfälischem 
Boden nämlich oft durch eine Anlage mit drei gleich hohen Schiffen (HalleU- 
kirche) erseht, wobei in der Deckenbildung neben dem in Sachsen und in ganz 
Deutschland üblichen einfachen Kreuzgewölbe allerlei Versuchsbildungen austreten. 
Derart war bereits die Anlage der Bartholomäuskapelle zu Paderborn: ein Hallen- 
bau mit knppelartigen Decken. Daß darüber hinaus die Bauten der roten Erde 
noch im zwölften Jahrhundert meist im Jnnern bescheiden gegliedert, im Äußern 
fast jeder Gliederung bar sind und vielfach in dieser entwickelten Zeit noch den 
Eindruck bloßer Bediirfnisbauten machen, entspricht nur dem konservativen Charakter 
der Westfalen. 
Das gebundene romanische System, dessen allmäliges Ausreifen wir bei 
der Betrachtung der rheinischen Bauten beobachten werden, kommt spät erst von 
dort nach Sachsen: unter den großen Werken als friihestes und zugleich wichtigstes 
Beispiel im Dom zu Braunschweig, der bevorzugten Stiftung Heinrichs des Löwen. 
1173 gegründet und 1227 geweiht, kann diese Kirche fast als Normalanlage der 
gewölbten Pfeilerbasilika des rein romanischen Stiles gelten. Die Stützen der vier 
Langhausjoche sind in den Hauptpfeilern kreuzförmig mit Halbsäulenvorlagen nach 
dem Mittelschiff, in den Nebenpfeilern einfach quadrat, l1eidemal mit Ecksäulchen 
gegliedert, die Kreuzgewölbe gurtlos gebildet. Alle Details einfach und schlicht, 
kein Blattwerkornament; am Äußeren rings-laufende Rundbogenfriese mit Lisenen. 
Das Ganze aber bis aus die erst in gotischer Zeit in den Oberteilen vollendete 
Fassade ein durchaus einheitliches Werk, streng aber harmonisch in allen Teilen und 
von vollendetem Rhythmus der Verhältnisse. Von dem tiefen Eindruck, den dies 
ernste Werk auf die Zeitgenossen gemacht, zeugt der Umstand, daß es zu Raheburg 
nachgeahmt wurde und daß die Bildung der Front mit den hohen Achteckstürmen 
nicht nur für ganz Braunschweig, sondern weit hinein in das Land tonangebend 
geworden ist. 
Die sächsische Entwickelung im ganzen aber geht andere Bahnen. Der Gewölbebau 
bleibt vorerst vereinzelt; vielmehr macht sich in der Mehrzahl der Kirchen seit dem 
Ende des elften Jahrhunderts die Tendenz aus ästhetische Durchbildung der einmal 
gewonnenen Grundform geltend. Zumeist bescheiden in den Maßen, zeichnen sich die 
besseren Werke des zwölften Jahrhunderts durch ihre harmonische Gesamterscheinung, 
durch schlanke frciräumige Verhältnisse und häufig eine Fülle anmutiger und fein durch- 
geführter Ornamente aus. 
Die Bildung des Pfeilers gestaltet sich, wie schon hervor-gehoben, allmälig ab- 
wechselungsreicher, das Würfelkapitell bedeckt sich mit ornamentalem oder selbst figür- 
lic)eM Schmuck, in dem gelegentlich die mittelalterliche Tiersymbolik ihr Spiel treibt- 
Schon die Einleitung wies darauf hin, wie wenig wir über die Gestaltung des alt- 
gCVMAUisthen Holzbaues unterrichtet sind. Daß seine Balken mit farbig bemaltem flachen 
SchniHwerk verziert waren, ist eine der wenigen Hypothesen, welche wir über die
        

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