Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3938917
352 Deutsche Baukunst. Die Renaiffance. 
Der Künstler des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts wollte offenbar 1nit dem 
älteren Meister rivalisieren; und was er geschaffen, das kann sich in der That in 
seiner Eigenart der Arbeit jenes Vorgängers würdig zur Seite stellen. Beide 
Leistungen gehören zum Herrlichsten, was die jedesmalige Periode hervorgebracht: 
wie der Pfälzer Hof an Glanz seinesgleichen im Lande suchte, so die Bauten seiner 
vornehmsten Residenz. Wer will berechnen, wie viel unsere heimische Kunstentwickelnng 
verloren, als die Zerstörnngswnt der französischen Ranbfcharen in frevlem Übermut 
den herrlichen Fiirstensitg, verwüstete. Denn anders wirkt auf die Nachwelt das wohl- 
erhaltene Monument vergangener Jahrhunderte, anders die malerische Ruine desselben. 
Und was ist überhaupt übrig"geblieben von dem reichen Ganzen, Von jenen herrlichen, 
einzig in Europa dastehenden Gartenanlagen des Salo1non de Caus, ihren Terrassen, 
Brunnen, Grotten und Labt)rinthen, von jenem englischen Bau des unglückliehen 
fünften Friedrich, des ,,Winterkönigs", von dessen Pracht besser als die spiirlichen 
Trümmer, alte Stiche ein immerhin dürftig Zeugnis geben. 
Jn ihm hatte die palladieske Richtung ihren Einzng in Heidelberg gehalten: 
vorbei ist es mit der prächtig dekorativen Behandlung, die kolossale Ordnung ver- 
drängt die alte Gliederung in Stockwerkshöhen; in vornehm klassischer Einfachheit 
sucht jetzt der Architekt feine Aufgabe zu lösen, mit Aufgabe alles Ornan1entes. Aber 
als Rest der alten Zeit behält er unter dem unverkennbaren Einfluß dieser besonderen 
Baustelle die seiner Zeit nicht mehr kongenialen Giebel bei. Selbst als man 166S) 
die Fronten des Frauenzimmer-Baues (III Fig. 285) neu bemalt, geschieht dies noch 
unter Übernahme von Motiven des Ottoheinrichs-Baues.  Nirgends innerhalb unserer 
ganzen Baugeschichte hat ein einzelnes, räumlich nicht einmal hervorragend großes 
Werk so sehr auf das Schaffen der Nachwelt an derselben Baustelle gewirkt, als 
der Ottoheinrichs-Bau aus die späteren Arbeiten am Heidelberger Schlosse! 
Während der uicderländische Einfluß in diese1n Werke in so eigenartiger Er- 
scheinung zu Tage tritt, daß man ihn in der Litteratur bisher verkannt hat, unter- 
falIen die nordwestlichen Gebiete Deutschlands und die ganze Seeküste ihm in mehr 
ausgesprochener Weise.  
Die Frühzeit weist zunächst am Rhein eine Anzahl von deko1"ativen Arbeiten 
aus, die völlig niederläudischen Charakter zeigen. Der-art ist beispiels-halber der kleine 
Bronzealtar in der heil. DreikönigskapelIe des Kölner Dankes vom Jahre l5l6, der 
höchst wahrscheinlich in Belgien gegossen worden, und der schöne Lettner in St, Maria 
im Kapitol, welcher nachweisbar 1525 in Mecheln gearbeitet wurde. Ähnlichen 
Knnstcharakter trägt auch der Altar in der Krypta von St. Gereon (um l530) 
bei schon reservierteren Formen, tragen in der Abteikirche zu Brauweiler ein Altar 
vom Jahre 1552 und ein anderer vom Jahre 1562. Weitaus das glänzendste 
Prachtstück dieser belgischen dekorativen Schule aber bietet der Dom zu Hildesheim 
in seinem 1546-vom Don1herrn Arnold Freitag gestifteten Lettuer. Freilich bietet er 
dieselbe Freude am Schmuck, dasselbe Studium der norditalienischen Renaissance, 
dieselben Balustersäulen, halbrunden Giebel, Reliefmedaillons und vegetabilen Orm-
        

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