Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3938104
Einfluß der italienischen Theoretiker. 289 
Aber welch ein Unterschied zwischen dem Ernst der italienischen Theoretiker, 
denen die architektonische Schönheit als ,,vernunftgemäße Übereinstimmung der Teile mit 
dem Ganzen" erscheint, ,,so daß weder etwas hinzugefügt noch hinweggenommen werden 
kann, ohne dies zu beeinträchtigen" und der Schmuck nur ,,das hinzntretende Licht und 
die Ergänzung dieser Schönheit" ists) zu den deutschen viel weniger auf Eurhythmie 
der Massengliederung, als auf phantastisch-originellen Schmuck abzielenden Erfindungen. 
Jmmer wilder und barocker werden diese Lehrbücher im Lauf der Jahre; immer mehr 
geht in ihnen der Inbegriff des Wesens der Baukunst in äußerlicher phantastischer 
Dekoration auf. Oft fragt man sich, ob denn diese Formen überhaupt für Architekten 
oder nur für Schreiner gedacht seien; und in der That haben gelegentlich auc) 
Schreinermeister derartige Vorlagen für den Architekten geschaffen. Ihre Höhe erreicht 
diese wilde Phantasterei, welche alles übertrifft, was das italienische Barock in seiner 
schlimmsten Zeit geleistet, in den vielverbreiteten Werken des Straf-zburger Baumeisters 
Wendel Dietterlein. Sehr wohl kannte Er die italienische Bauknnst; er muß sich daher 
in seinen Arbeiten in bewußtem Gegensatz- zu ihr gefühlt haben.  Was im Anfang 
der Periode aus unzureichender Kenntnis keimte, das war im Laufe der Jahrhunderte 
zu selbständiger eigenartiger Entwickelung gelangt! 
Schon Dürer hat das, charakteristische Wort für die architektonische Richtung 
seiner Zeit gesprochen, wenn er sagt, es sei ,,der Deutschen Gemüt, daß gewöhnlich 
alle, die etwas Neues bauen wollen, wollten auch gern eine neue Fagon dazu haben, 
die zuvor nie gesehen wäre." Das ist es! und wenn der deutsche Architekt dann 
hörte, daß Vitruv, das große klassische Vorbild der Zeit, fünferlei verschiedene Säulen- 
ordnungen doch nur für den gleichen Zweck lehre, dann kam er sich wohl gar in 
seinem Streben nach immer neuen Erfindungen ganz vitruvianisch vor. Sagt doch 
Dürer selbst: ,,in den Teilen ist nicht ein Ding gut, sondern viele Dinge sind gut, 
wer sie weiß zu machen; darum muß man danach suchen: wie denn der hochberühmte 
Vitruvius und andere danach gesucht haben und gute Dinge gefunden; aber damit 
ist nicht aufgehoben, daß nicht anderes, das auch gut sei, gefunden werden möge."  
Und von allen deutschen Künstlern hat sich doch niemand mit solchem Ernst in die 
wissenschaftliche Ergründung der KunstgeseHe seiner Zeit vertiest wie dieser selbe Diirer! 
Das Schlagwort ,,Vitruv" war eben damals bereits viel weiter in Deutschland 
verbreitet, als man nach den gleichzeitigen Bauten vermuten sollte. Seht doch wieder 
Dürer bereits voraus, ,,daß es keinen berühmten Baumeifter oder Werkmeister gebe, 
der Vitruv nicht kenne". Aber für ,,vitruvianisch" wurde in den meisten Fällen 
alles angesehen, was überhaupt die neuen Formen aufwies. 
Wenn so der Theoretiker im Anfang der Bewegung bereits das Recht der frei 
schaffenden Phantasie auf die Erfindung immer neuer Varianten derselben Grundform 
betont, so ist kein Wunder, daß  eine Folge hiervon  auch die Praxis ein 
buntes, regelloses Spiel der Formen zeigt. Um so phantastifcher und wilIkürlicher 
aber ist dasselbe, je weniger diese neue Dekoration irgend welchen ihr eignenden 
X) Alberti, De re aediijcato1-ja VI, 2. 
Dohmc, Baukunst.
        

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