Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3938096
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Deutsche Baukunst. Die Ren-:cissance. 
hier und dort, deren phantastische Buntheit oft genug durch künstlerischen Sinn geadelt 
ist; aber die feste Gefelzmäßigkeit eines auf konstruktiven Grundlagen erwachfenden, 
an der Lösung bestimmter Probleme erstarkten Stiles fehlt ihr für die ganze erste 
Periode der Entwickelung. Sind auch Vorkommnisse wie jenes Braunfchweiger äußerst 
selten, wo der Bau des Turmes der St. Andreas-kirche eingestellt wird, ,,weil man 
zur Lehre Luthers übergetreten", so hat doch unverkennbar die reformatorische Bewegung 
zunächst im hohen Maße ungünstig auf den Kirchenbau bei Katholiken und Protestanten 
gewirkt: die Zahl der nennenswerten Arbeiten der Art im ganzen sechzehnten Jahr- 
hundert beträgt kaum ein DuHend, und darunter bleiben die meisten an Raum- 
entwickelung oder künstlerischer Durchbildung noch erheblich hinter den Werken der 
älteren Zeit zurück. Somit wird der Baukunst gerade dasjenige Feld der Thätig- 
keit entzogen, auf dem sie bisher ihre größten Schöpfungen zu leisten gewohnt 
war. Auch Profanbauten, die schon in der Grundrißdisposition die monumentale 
Baugesinnung der neuen Zeit zur Schau bringen, find, wie weiter unten im einzelnen 
zu belegen ist, selten. 
Dann fehlt auch in Deutschland der Einfluß jenes künstlerifch begabten Dilet- 
tantentun1s. welches, Wissenschaft und Kunst vereinigend, so wesentliche Bedeutung für 
die Entwickelung der italienischen Formgebung zur Klasfizität der Hochrenaiffance 
hatte. Zwar regen sich auch bei uns hier und da Anfät;,e hierzu, aber die 
Bewegung läuft sich schnell tot. So ist der Nürnberger Arzt und Humanist Walter 
Rivius eifrig bemüht, das Studium des Vitruv in Deutschland heimisch zu machen. 
Im Jahre 1548 erscheint seine Übersetzung desselben nach der Ausgabe des Cesariano 
von 1521: ein Jahr früher hatte er bereits die ,,Neue Perfpektive" nach ita- 
lienischen Vorbildern herausgegeben. Aber ein Einfluß seiner Werke auf die Bau- 
praxis ist nicht nachweisbar. Dem Bedürfnis der Techniker scheint eine neben Rivius 
erblühende reiche Litteratur mehr genügt zu haben, die unter dem Titel von archi- 
tektonischen Lehrbüchern im Grunde nur Vorbilderfammlungen für allerlei Details, wie 
Säulen, Fenster, Thüren, Giebel, Kamine, Portale, Fries- und Rahmenfüllungen u. s. w. 
bot. Nichts ist geeigneter als diese Werke, Zeugnis abzulegen von der rein äußerlichen 
Erfassung der Renaisfanceformen. Den Anfang hatte gleichfalls ein Humanist, der 
fürstlich Simmernfche Sekretär Rodler, mit feinem ,,schön nülg-litk) Büchlein und Under- 
Weisung der Kunst des Mesfens" im Jahre 1531 gemacht, in dem er Dürers Schriften, 
die nur dem höher entwickelten Jntellekt verständlich seien, populär machen will; im 
Grunde aber, nach italienischen Vorbildern, die ganze Lehre der Perfpektive auf eine 
Angabe von Musterbeifpielen beschränkt, aus denen der praktische Zeichner die Prinzipien 
derselben entnehmen und zu gleicher Zeit die neuen Formen, wie sie sich im Kopfe 
Rodlers gestaltet hatten, studieren konnte-). Und leicht genug mochten in den Augen 
der Massen die neue Wissenschaft der Perfpektive und die neuen Kunstformen sich zu 
einem gemeinsamen Wesen verbinden: beide kamen aus Jtalien als Kinder desselben 
Geistes, und beide fand man fast stets vereint in den italienischen Lehrbüchern, mochten 
diese die Perfpektive behandeln oder die Baukunst lehren. 
E) Dies Auflösen einer mathematiscl)en Wissenschaft in eine Reihe von Mustex11eispieken 
ist für die Zeit schon deshalb nahe gelegt, weil ihr die theoretische Ergründung des Distanz- 
punktes noch unbekannt ist.
        

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