Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3938086
Die Frül)renaissance. 287 
die Gotik in jenem Zustande der Zersetzung, mußte sie bei dem beständiger: Wechsel- 
verkehr der Völker auch in Deutschland allmälig zur Herrschaft gelangen. Aber es 
verdient Beachtung, wie langsam und allmälig sich dies vollzieht; wie man auc) im 
sechzehnten Jahrhundert mit Liebe festhält am Alten. Noch lange mischte sich in naiver 
Weise alte und neue Detailbilduug. 
Äußere Umstände kommen hinzu, um zunächst das Entstehen eines solchen Über- 
gangsstiles zu begünstigen. Der Deutsche lernt die Renaissanee nicht in Toseana 
kennen, sondern in Norditalien, in Mailand und Venedig, jenen Orten, an denen die 
klassische slorentiner Kunst bereits einen stark dekorativen, oft schon spielenden Bei- 
geschmack erhielt; und seinen für phantastisih-üppigen Schmuck besonders empfäugliiheu 
Sinn reizt gerade dies barocke Element der norditalienischen Frührenaissance, das 
Zerlegen der Fassadeu in kleine Horizontalabschnitte, die Kandelabersäulen, die halb- 
runden, mit Akroterien aller Art geschn1iickten Giebel, die Verkröpfungen nnd ebenso 
das realistische Ornament. Freude am Schmuck einerseits, ein für klassisches Maßhalten 
uugeübter Sinn anderseits, endlich die naturalistische Richtung seiner eigenen Kunst 
bringen den Deutschen dazu, diese ihn anziehenden Eigentümlichkeiten noch zu steigern. 
Und nur zu leicht verzerren sie sich in seiuer,Hand gelegentlich bis zur Karikatnr, da 
ihm die Grundgesehe des neuen Stils vorerst noch unverständlich sind. Nur eine 
Dekoration, nicht mehr erscheint er ihm!  
Einst war es ein Fortschritt gewesen, daß die Kunstübung ans den Händen der 
Geistlichkeit in das Laienelement überging und so volkstümliche Basis gewann. In 
der Hauptzeit des Mittelalters aber war für den Laieukünstler nur in der Zunft PlaH. 
Auch darin lag anfänglich noch ein Vorteil: die großen Domhütten vermochten ihren 
Gliedern eine ganz andere Ausbildung zu geben, als der Durchschnitt sie sonst erlangt 
hätte. Dem Ansehen, der schulbildenden Kraft dieser Hütten ist wesentlich das Erblühen 
der Gotik zu danken. Allmälig aber war das Wesen der dortigen Knnstübung in 
Schablone und Virtuosentnm übergegangen, waren die Architekten zu Haudwerkmeistern 
herabgesunken. Jener Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis, jenes Verständnis für 
Wesen und Geist der antiken Kunst, wie sie in der florentiner Architektenwelt im fünf- 
zehnten Jahrhundert lebten, fehlt, soweit die Resultate zu einem Urteil berechtigen, 
selbst im sechzehnten Jahrhundert in Deutschland noch zumeist. 
Schon die italienische Renaissanee ist sich dieses GegensaHes zwischen den mittel- 
alterlichen SteinmeHen und dem auf anderer wissenschaftlicher Basis stehenden modernen 
Architekten wohl bewußt. Filarete betont dies in seinem Traktat ausdrücklich. Die 
deutschen Renaissaneearchitekten aber lösen sich nur allmälig aus den Banden des Haud- 
werkertums; so Wird es denn fast natürlich, daß nicht sie die Jnitiative für die Ein- 
führung der neuen Formen ergreifen, sondern die Maler, die Vertreter jener Schwester- 
kunst, welche im Norden überhaupt jetzt die tonangebende ist. Seit den letzten Jahren 
des fünfzehnten Jahrhunderts regen sich Reuaissancemotive ziemlich gleichzeitig in den 
Niederlanden und in Süddeutschland in den Gemälden. Studien in Jtalien selbst 
und nach Deutschland gelangende Kupferftiche sind die Vorbilder. Was dargestellt 
wird, sind zunächst Einzelheiten, phantastisch dekorative Aufbauten, mit deren konstruk- 
tiver Echtheit es häufig schlimm bestellt ist. 
Viel herrliche Blüten treibt in ihrer weiteren Entwickelung die deutsche Renaissauce
        

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