Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3938041
Die 
Renaissance. 
Unsere Erzählung hat die Periode vom A11fkommen der gotischen Konstruktionen 
an bis zum Eintreten der antikisierenden Formenwelt als Ganzes zufammen- 
gefaßt, um ein übersichtliches Bild des all1näligen Ausreifens und Umbildens des 
gotischen Organismus zu bieten. Wiederholt aber wies die Darstellung darauf hin, 
wie inmitten der gotischen Zeit sich bereits neue bauliche Ideale vorbereiten, wie der 
Rhythmus der Bewegung, um mit Jakob Burckhardt zu reden, bereits während der 
Herrschaft der gotischen Details wieder in den der Massen umseHt. Denn, um es 
kurz zu sagen, bereits im fünfzehnten Jahrhundert bricht, wie allerwärts in 
der enropäischen Kultur, so auc) in der deutschen Architektur die neue Zeit 
herein. Freilich in weniger augenfälliger Weise als in Italien. 
Dort entwickelt sich die neue Weltanschauung auf Grund des Nationalcharakters 
und der nie erftorbenen Tradition der Antike frühzeitig nach der formalen Seite. 
So breiten PlaH nimmt ja das Aufblühen der Künste in der dortigen Bewegung 
überhaupt ein, daß wir heute in erster Linie an dieses denken, wenn von Renaissance die 
Rede ist. Jn Deutschland dagegen tritt das siegreiche Vordringen neuer Jdeen über- 
wiegend auf intellektuellem Gebiet zu Tage: der Kampf um geistige Güter drängt 
hier das Interesse am Formalen in den zweiten Rang. Jst dem für Schönheit und 
Stilgefühl besonders fein organisierten Jtaliener des fünfzehnten und sechzehnten 
Jahrhunderts die Kunst, selbst da, wo sie nur Dienerin der Kirche sein soll, Genuß 
um ihrer selbst willen, ja oft völlig Sclbstzweck, so sieht das transcendentaler gestimmte 
Gemüt des Deutschen in ihr mehr ein Mittel zum Zweck: bald ist sie ihm wirkliche 
Dienerin seiner Andacht, bald gilt sie ihm (als Bilderchronik) an Stelle des ge- 
schriebenen Wortes, bald wird sie ihm Rüstzeug im Kampf der Parteien. Dazu 
kommt, daß in Deutschland die Verbindung mit der Antike fehlte. Nur mühsam 
findet im fünfzehnten Jahrhundert der Gelehrte zu ihr den Weg; dem Volk ist längst 
jede fruchtbringende Erinnerung an sie abhanden gekommen. So entbehrt die Be- 
wegung in Deutschland von vornherein jener klassischen Zucht, die sie in Jtalien hat; 
mehr ins allgemeine geht hier der Drang; es ringen die Geister auf allen Gebieten 
nach Befreiung aus den Banden, in die das Mittelalter Denken und Leben gelegt. Erst 
nachdem dies Streben zu einem gewissen Abschluß gekommen, beginnt das Jnteresse für 
die Welt der Erscheinungen, die Freude am Schönen und reich Geschmückten weit nnd 
breit durch Land nnd Volk Wurzel zu schlagen, beginnt jenes Erblühen ohnegleichen 
namentlich der gewerblichen Künste, wie es die Zeit von 1525 bis 1575 zeigt.
        

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