Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Baukunst
Person:
Dohme, Robert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967995
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3936009
Rheiuische Schule: Kobern, Reuß,.Limburg. 133 
diese gewaltige Westfassade gerade mit ihrer tvirk1ingsvollen und glänzend reichen 
Gliederung, aus deren Baumasse der einst in schlanker Pyramide geschlossene Turm 
aufsteigt, sichert seinem Werk einen PlaH unter den ersten Denkmalen des Rheinlandes. 
Ihren künstlerischen Abschluß findet diese ganze Entwickelung schließlich in der 
Stiftskirche St. Georg, dem heutigen Dom zu Limburg an der Lahn (1213-1242), 
einem Werk, welches die Vorzüge und Mängel der Richtung in einer harmonisch 
konzipierten nnd auch einheitlich bis zuletzt durchgeführten Prachtleistnng zusammen- 
faßt. Denn troYdem der gedrückte SpiHbogen bis aus Nebensachen am Bau herrscht 
und sogar der Strebebogen  man ist versucht zu sagen  schüchtern auftritt, 
trohdem sogar das System des Langhauses aussällige Verwandtschaft zu dem der 
Kathedrale von Noyon zeigt, atmet das ganze Werk doch noch den Geist der 
Übergangszeit. Der Grundriß mit dem breit entwickelten, schon mit einem Umgang 
versehenen Chor, dem nur zwei gebundene Joche großen Langhaus und den beiden 
Fronttürmen weist auf die Neigung der rheinischen Übergangsschule für mehr 
zentralisierte Komposition. Der Aufbau entfaltet ihre volle dekorative Pracht. Seine 
lebendige, die Wandflächen bereits völlig auflösende Gliederung, die etwas schweren 
Rundstäbe und Säulchen, die groben Details so wie das Fehlen eines reizvoll durch- 
gebildeten Ornaments geben der Gesamterscheinung trog alles dekorativen Apparates 
nichts Zierliches. Und wie das Innere so das Äußere: französische Motive aller Art 
noch in deutskhem Gewande: die kleine Blendarkadenreihe im zweiten Geschoß der 
Westsront findet im Grunde ihr Vorbild in der sogenannten Königsgalerie der 
Kathedralen der Jsle de France, und auch das große Rundsenster über dem West- 
portal ist so gut ein französisches Motiv, wie der Giebel zwischen den Türmen. 
Aber all diese Formen sind  wenn man so sagen will  germanisiert! Selbst 
der Giebel ist nur als ornamentales Stück vorgelegt, denn hinter ihm deckt ein 
Pultdach den Raum zwischen beiden Türmen.  
Gilt es die Geschehnisse der Geschichte nachträglich philosophisch zu be- 
gründen, so darf darauf hingedeutet werden, daß gerade Bauten wie Neuß und 
Limburg das Unhaltbare des Übergangsstiles beweisen. Der romanischen Bau- 
kunst war die Harmonie zwischen Konstruktion und Dekoration, das Fundament jeder 
gesunden Tektonik, abhanden gekommen. Denn die jetzt herrschende Dekoration ist 
auf anderen konstruktiven Voraussetzungen erwachsen, als sie der deutsch-romanische 
Stil bietet. Weil ihr aber so der Zusammenhang mit den konstruktiven Zielen fehlt, 
fthweift sie ins Barocke ab, d. h. sie ist aus dem Wege des Versalls.  Neben dieser 
Richtung aber kennt doch auch das Rheinland eine zweite, welche die dekorative 
ÜbEkfülle mäßigt und die konstruktiven Elemente mehr hervortreten läßt. Sie ist 
F- Welche kM1gfUm und allmälig zur Gotik hinüberleitet. In dieser Form trat der 
UbEVgTMgsftkk sonst zumeist in Deutschland auf; so verbreiteten ihn namentlich die Cister- 
zkeUser im Lande. Ein wichtiges Beispiel dieser Richtung bietet das Rheinland in 
der alten Karolingerstistung zu Werden, deren Kirche mit Ausnahme weniger aus 
alter Zeit erhaltenen Reste einem Umbau der Jahre 1257-1275 entstammt, ein 
strenges, edles Werk, im System des Aufbaues Limburg nahe stehend, mit durchgehende: 
A"weIIdUUg der Spihbogen bei knappem älteren Ornament und Prosilen; mit noch 
WMaU1sc)eM Grundakkord trotz der außerordentlich späten Zeit.
        

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