Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Biedermeier
Person:
Boehn, Max von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967931
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3848455
Thiersch für München den Mittelpunkt einer unvergleichlich anregenden Gesellig- 
keit. Mitte der dreißiger Jahre, erzählt der Sohn Heinrich, et-reichte die Gast- 
freundschaft und Geselligkeit in Thiersehs Hause ihre schönste Entfaltung. Jeden 
Abend stand es den Gästen offen, die sieh einstellen wollten, Einheimischen und 
Fremden, und die Mehrzahl der geistig bedeutenden Reisenden, die München be; 
suchten, fand sieh ein. Nicht selten,waren vier Nationen vertreten, Deutsche, Eng- 
liinder, Franzosen, Griechen. Dankbar erinnerte sich Ludwig Bamberger des kos- 
niopolitischen Mittelpunktes, den Iustus Liebig in dem abscheulichen Nest Gießer! 
in seinem Hause geschaffen. In Augsburg fand sich der Kreis, der zur allgemeinen 
Zeitung gehörte, Friedrich List, Levin Schücking, Gustav Kolb u. a. bei Geheimrat 
von .Hor1nayer und der Familie von Binzer zusammen; in Stuttgart, wo Gustav 
Srhwabs Haus der literarische Mittelpunkt der Geselligkeit war, liebte auch Graf 
Alexander von Württemberg, geistreiche und begabte Persönlichkeiten um sieh zu 
versanimeln. 
Im Vergleich zu heute waren die äußeren Uinstiinde, unter denen sieh da- 
mals eine Geselligkeit entfaltete, von geradezu rührender Einfachheit, Beleuchtung 
und Bewirtung konnten kaum bescheidener sein. Man brannte im Hause Talg- 
lichter, die man selbst in 3innformen goß, was Gustav Freytag als Knabe noch 
lernte. Sie rochen übel und qualmten leicht, so daß die Lichtputzsehere nicht vom 
Tische kommen durfte und das Schneuzen der Kerzen eine Geschicklichkeit war, 
mit der man sich sehr beliebt machen konnte. Felix Eberty erzählt, zwei Talg- 
lichter abends anzustecken war schon ein ungewöhnlicher Luxus, das Staatszi-nmer 
seiner Eltern, reicher Bankiers, erleuchtete eine Krone mit 4 Kerzen. In Pomniern 
brannte man statt der Talglichter sogar noch den Kienspan, denn Wachskerzen 
waren eine Verschwendung, die sich nur die wenigsten erlauben konnten, brannte 
doch auch Ottilie von Goethe in ihren Soireäen nur Talgliehter. Karl Nosenkranz, 
di! M qualmende Talglichter im Kolleg gewöhnt war, erschien es ein beispiel- 
lVsI"1' Luxus, daß Wilhelm von Schlegel beim Scheine von Wachskerzen las. 
Heinrich .Heine erwähnt den funkelnden Liehterwald von 50 langen Wachskerzen, 
die der Tasehenspieler Bosco in Berlin bei seinem Auftreten anzünden ließ. Sehr 
langsam nur verdrängte die Ollampe das Talglicht. Karoline Bardua er- 
zählt Von DER GkskUikk)0fk("U bei Ober-baut-at Crelle in Berlin, wo kleine Lampen 
Unter VIks"l.lfChlNMU bMUtMt1, daß man diese Schirme aber lüften mußte, wenn 
Mem s1"k)t"11 Wollte, wer da war. Eine Aßral- oder Sinumbralampe, in der gerei- 
nigtes O! verzehrt wurde, war etwas ganz besonderes; Louis Bardua überraschte 
seine Mutter damit zu Weihnachten 182l, sie wurden auch bei Ebertys nur dann 
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