Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Biedermeier
Person:
Boehn, Max von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967931
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3848123
Westens, bei denen eine reiche alte Kultur im Streit mit moderner Nüchternheit 
lag, dem Besucher und Bewohner vor Augen stellten. Außerdem machte Berlin 
stetige Fortschritte. 1825 schon schrieb Ehamisso an de la Foye: ,,Sollteft du ein- 
mal unsere Stadt wiedersehen, so würdest du sie nicht wieder erkennen. Es wächst 
kein Gras mehr in den Straßen, eine Unzahl von Brücken sind entstanden, vier 
neue Standbilder" usw. Carus, der Berlin mehrere Jahre nicht besucht hatte, 
schreibt im gleichen Jahr nach einem Gange durch die Stadt: ,,Man hat sich 
tüchtig geregt, vieles ist entstanden, vieles entsteht und wird vorbereitet, in allem 
waltet ein zeitgemäßer großer Geisi". Sulpiz Boisseri-se, der 1832 nach Berlin 
kam, fand sogar, die Stadt erinnere an Paris, welches zum Teil übertroffen, zum 
Teil nicht erreicht sei. Emanuel Geibel schreibt 1836 an seine Mutter: ,,Jch kann 
es nicht leugnen, daß Berlin einen großartigen Eindruck auf mich macht," wenn 
dem Siiddeutschen Pecht Berlin dagegen nur wie eine einzige große Kaserne von 
tötlieher Einförmigkeit und grenzenloser Nüchternheit vorkam, so wird man sich 
erinnern müssen, daß bei dem Eindruck, den eine Stadt dem Fremden macht, ja 
das Leben, das ihre Straßen erfüllt, wesentlich mitspricht. Das aber fehlte 
Berlin, Boissere":e fand die größere Ruhe Berlins noch seinen- Vorzug gegen den 
Trubel von Paris, Laube erschien es still und kleinstiidtisch. Nach 10 Uhr abends 
sah man kaum noch Menschen auf den Straßen und Felix Mendelssohn konnte 
seine Wette, er werde mit einem Rosenkranz auf dem Kopf unbemerkt die ganze 
Leipzigers7raße bis zum Dönhofsplalz hinaufgehen, glänzend gewinnen. Zu gewissen 
Stunden des Mittags promenierte die elegante Welt Unter den Linden, wie Hein- 
rich Heine sang: 
Ja Freund hier Unter den Linden 
Kannst Du Dein Herz erbauen, 
Hier kannst Du beisammen finden 
Die allerfchönsten Frauen! 
Sonst aber waren weit und breit keine Leut", nur geschnürten Soldaten begegnete 
Ludwig Pietsch, als er zum erstenmal in seinem Leben die Friedrichstraße besuchte. 
Diese Eigenschaft des mangelnden Straßenlebens hatte Berlin mit den übrigen 
Residenzen gemein. In Dresden wettete Baron von Malzahn, er werde 8 Tage 
lang vom Hut bis zum Schuh ganz rosenfarbig gekleidet in den Straßen herum- 
gehen- ohne Aufsehen zu erregen und gewann die Wette, ebenso wie der bayekische 
Ehevauxlegerleutnant, der gewettet hatte, ganz nackt durch die Stadt zu reiten, 
ohne daß man es bemerken werde und ebenfalls gewann, da er sich die Uniform 
in grün und rosa auf den Leib hatte malen lassen. 
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