Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Biedermeier
Person:
Boehn, Max von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967931
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3847899
fieberkrank in ein dunkles feuchtes Loch einsperrte, keinen Arzt zu ihm ließ und 
schändlich behandelte. Auf seine Beschwerde antwortete der Staatsrat Schulz: 
,,Er soll erst bekennen." Der berüchtigte Geheimrat von Tzfchoppe mischte unter 
die beschlagnahmten Papiere Verhaftet(-r Untersuchungsgefangener falsche, um die 
Betreffenden auch ja zu belasten. Man beschuldigte, wie Varnhagen1822 notiert, 
den Justizminister ganz offen der sehreiendften Eingriffe in die Behandlung der ein- 
zelnen Rechtshändel, indem er Prozesse hemn1e oder niederschlage, man sagte in Berlin 
ohne Scheu, daß der Adel cmpörend begünstigt werde und ein Bürgerlichen- bestraft 
werde, wo ein Adliger frei aus-gehe, bei A-dligen werde das Verfahren eingestellt, 
wo es bei Bürgerlichen streng fortgesetzt werde. Dieses allgemeine Mißtrauen in 
die Unabhängigkeit der Rechtsprcehung, trat in sehr bezeichnender Weise in der 
Prokla1nation zutage, die der Kannnet-gerichtsrat Gedicl-e nach einer in Potsdam 
gehaltenen Justizoisitation am 3. März 1825 an die Bewohner der Residenz erließ. 
Er sagte in derselben u. a., die Justizbeauiten müßten sieh mit der Überzeugung 
durchdringen, daß das Vertrauen und die Zufriedenheit der Einwohner dasjenige 
sei, wonach sie zu streben hätten und was ihnen unendlich mehr gelten müsse, 
als der Beifall eines Vorgesetzten. Die sieh häufenden Demagogenprozesse gegen 
harmlose Männer, an deren Unschuld niemand, wahrscheinlich die Richter selbst 
nicht zweifeln konnten, haben in den nächsten Jahren allerdings nicht dazu bei- 
getragen, das wankend gewordene Vertrauen zu der preußischen Justiz wieder zu 
befestigen, im Gegenteil, i837 bemerkt Var-nhagen: ,,Die ganze Justiz ist bei uns 
demoralifiert." Bezeichnend für die "!lnschauung des obersten Richters ist die Ge- 
schichte, die Varnhagen von dem Oberpräfidenten des Kammergerichts, Adolf 
von Klc-ist, dem vom Volke sogenannten blutigen .Kleist erzählt. Bei dem Wider- 
spruch, den einige seiner Rate sieh gelegentlich gegen das von ihm abgegebene 
Votum erlaubten, -habe er auf den Tisch geschlagen und gerufen: Das Kammer- 
gk"richt müsse vor allem durch Gehorsam gegen jeden Be-fehl der höchsten Behörden 
W) auszeichnen. Diese Gesinnung trug ihm zwar das Lob des Hofes ein, vor- 
M"hM D(-UkcUdc aber zogen sich von dem Manne zurück, wie General von Müss- 
lin 1842 an Oldwig von Natzmer schreibt: ,,Alles ist von dem Köpfen und lebens- 
-vic1"igM C"EsIfps-tret! so di-gouticrt, daß Kreis: im Staatsrat Verlassen dastehen- -Jus 
im Prozesse des Bürgermeisters Tschech, der auf Friedrich Wilhelm IV. geschossen 
hatte, der Kammergerichtsrat von Alvensleben in die Verhörsprotokolle, wie es 
sein muß, alle Aussagen desselben aufnahm, auch alles, was dieser gegen den 
König und seine Regierung vorbrachte, fuhr ihn der Präsident von Kleist an: 
,,Was haben Sie. denn da gemacht, bedenken Sie, daß der König diese Protokolle 
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