Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Biedermeier
Person:
Boehn, Max von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-967931
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3844992
finden, diejenigen, welche nach einein solchen trachtend, sich in den Glauben der 
alten Kirche flüchteten, mußten sich von der, wie sie damals bestand, ausschließen, 
sie begannen, sich in besondere Gen1einschaften zusauunenzuschließen, sogenannte 
Konventikel zu bilden. Diese Bewegung, welche auf eine rein innerliche Frömmig- 
keit des Gemütes abzielte, lief; den früheren dogmatischen Hader zwischen den 
proteRantisehen Bekenntnissen der Lutheraner und Reformierten ebenso abseits wie 
ihr auch die allgemeine religiöse Stimmung fremd war, welche den Pan-iotismus 
der Freiheitskriege begleitete und sich in dem prononziert teutonischen Christentum 
der But-schensehaft aussprach. Da, wo religiös Gesinnte sich zusammenfanden, 
war, wie Karl von Raumer sagt, der Grundton des Zusammenlebens christlich, 
von konfessionellen Gegensätzen war vor l8l7 nicht die Rede, diese lebten erst 
auf mit der Union, die doch nach ihres Stifters Absichten dazu bestimmt war, 
dieselben auszugleichen. 
Friedrich Wilhelm Ill. war aufrichtig religiös im Sinne eines aufgekl(irten, 
vom Nationalismus beeinflußten Chrißentums, ihm schienen die Lehrunterschiede, 
welche die Lutheraner von den Reforinierten trennten, unwesentlieh im Verhältnis 
zu den Fundamentalartikeln des Glaubens, welche beiden gemeinsam waren. So 
erließ er am 27. September 1817 einen Aufruf, in dem er seine Untertanen, so- 
weit sie der evangelischen Kirche angehörten, aufforderte, das dreihundertjiibrige 
Jubelfesi der Reforu1ation, welches man sich eben zu feiern anschickte, dadurch 
festlich zu begehen, daß Lutheraner und Reformierte sieh zu einer einzigen evan- 
gelischen Landeskirche vereinigten. Der König wünschte, daß in Zukunft die 
trennenden Bezeichnungen lutherisch und reformiert hinter dem evangelisch, das 
sie vereinte, verschwinden sollten. Die Anhänger des landläufigen Rationalismus 
legten auf den veralteten Dogmatismus der Bekenntnissehriften zu geringes Ge- 
wicht, um dem königlichen Vorschlag nicht begeistert beizustimmen, das Refor- 
mationsfest sah in Berlin eine würdige gemeinsame Abendmahlsfeier, an welcher 
die gesamte Geistlichkeit sich beteiligte, der Ritus des Brotbreehens, der dabei zum 
erRen Male geübt wurde, bezeichnete den Akt, welcher die beiden Bekenntnisse zu 
einem verschmolz. Schleieruiacher, dessen tief religiöse Gesinnung in der Union 
ein Friedenswerk innerhalb der Kirche begrüßte, war unermüdlich, der neuen Ge- 
meinschaft eine freie Kirchenverfassung zu verschaffen, die allein ihren ungefähr- 
deren Bestand hätte sichern können. Seine Bemühungen fanden heftigen Wider- 
stand von seiten der Bureaukratie, deren reaktionäre Bestrebungen gerade zu dieser 
Zeit eifrig am Werke waren, um in Leben und Lehre, Kirche, Schule und Politik 
jeden auf freie Entfaltung der Kräfte gerichteten Sinn zu töten. 
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