Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4368691
Die Kunst des romanischen Zeitalters. 
war es schon beim Rundbogeu möglich gewesen, oblonge Felder zu iiberwölben, 
indem man den engeren Rundbogen überhöhte und den weiteren niederdrückte, aber 
dieses Ansknnftsmittel war unkiinstlerisch. Erst nachdem die Architekteu den frucht- 
baren Gedanken gefaßt hatten, den Rundbogen in der Mitte einznknicken, so daß 
er zum Spitg-bogen wurde, war die Schwierigkeit gelöst, und man konnte jedes 
beliebige Feld mit Leichtigkeit überwölben, denn der Spitzbogen kann bei jeder 
Spannung zu jeder Höhe emporgeführt werden. Damit war das letzte entscheidende 
Wort zur völligen Umgestaltung der Architektur ausgesprochen. 
Trotzdem die deutschen Baumeister den Spit;-bogen sehr bald heriibernahmen" 
und ihn allgemein, auch in den Gewölben und Arkaden verwerteten, übte er doch 
ein halbes Jahrhundert kaum einen Einfluß auf die Konstruktion, so fest wurzelte 
der romanische Stil, als die national germanische Banweise, im Empfinden des 
Volkes. Nur der Plan der Kirche wurde insofern n1ngestaltet, als das gebundene 
System nicht mehr so häufig zur Anwendung kam, sondern die Zahl der Gewölbe- 
felder in allen Schiffen gleich gemacht wurde. Die Bezeichnung Übergangsstil 
für diese Epoche der deutschen Baukunft, welche die erste Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts ansfiillt, ist nicht richtig, denn die Bauten bilden keineswegs den Uber- 
gang zur Gotik, sondern bleiben durchaus romanisch und nehmen nur einige Einzel- 
heiten von der französischen Gotik auf. Selbst wenn Strebepfeiler klarer als 
solche hervortreten, und in den einzelnen Fällen, in welchen Strebebögen zur An- 
wendung kommen, wirken sie auf den Gesamtcharakter der Bauten kaum ein. Da- 
gegen beschränkt sich die Herübernahme von Einzelheiten der französischen Gotik 
nicht auf den Spit;,bogen. Der romanische Stil war ja immer höchst bereitwillig 
gewesen, neue Dekorationselemente auszubilden und aufzunehmen, und für den 
Übergangsstil ist das Streben nach reicher Dekoration besonders bezeichnend; schon 
zu Ende des 12. Jahrhunderts tritt das korinthische Kapital, das immer einzeln 
in Übung geblieben war, ganz in den Vordergrund und verdrängt in der Folge das 
Wiirfelkapitäl vollständig, weil dieses für die elegante Erscheinung der neuen Bau- 
werke zu massig war. Jm Anfang des 13. Jahrhunderts tritt das französische 
Knospenkapitäl und von etwa 1225 ab das gotische Blattkapitäl dazu. Nach 
franzöfischem Muster kommt die reichere Gestaltung mit E1nporen über den Seiten- 
schiffen in allgemeinere Aufnahme, die Wände werden durch Blendnischen und 
Triforiengalerien (schmale Laufgänge in der Manerdicke, nach dem Jnneren mit 
Säulenarkaden geöffnet) belebt, die Gewölbekappen stoßen nicht mehr in scharfen 
Graten aneinander, sondern lagern zwischen Rippen, welche das Gerüst bilden, 
während die Gewölbefelder nur Füllung find. Als Träger der Gewölberippen 
treten schlanke Säulchen vor die Flächen nnd in die Ecken der Pfeiler. Durch 
Ringe werden die hohen Säulchen fiir das Auge wohlthuend geteilt, die Arkaden- 
bögen werden mit Rnndstäben reicher geschmückt, in die Fensterwandungen treten 
ebenfalls Säulchen. 
Am frühesten machen sich diese Veränderungen im Rheinland bemerklicl). Das leb- 
haste Volk der Rheinländer erkennt sofort die große dekorative Bedeutung der neuen Ele- 
mente, im Yiheinland entfaltet sich die Dekorationslust am reichften, und dort hat der 
sogenannte Ubergangsstil seine glänzendsten Beispiele auszuweisen. Bei dieser iiberwiegenden 
 Freude am reichen Schmuck kommen selten einheitliche Werke zu stande, die in sich har-
        

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