Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4364489
Die z-3austi1e. 
Zur Zeit, als die griechische Plastik und Malerei noch in ihren ersten An- 
fängen lagen, war das System der griechischen Baukunst in der Hauptsache schon 
fertig, Aus dem 7, Jahrhundert, bis zu welchem uns die historische Betrachtung 
geführt hat, stammen auch mit wenigen und leider über die Entwickelung nicht 
viel besagenden Ausnahmen die ältesten uns erhaltenen eigentlich griechischen 
Bauten. In der mykenischen Epoche war die.Hauptaufgabe der Baukunst die 
Errichtung von Burgen und Königspalästen gewesen, bei den eigentlichen Hellenen 
aber mit ihrer schönen menschlichen Freiheit ist die höchste und lange Zeit 
fast einzige Aufgabe der Architektur das den Göttern geweihte Haus, 
der Tempel, dessen Besitz nicht auf einen einzelnen beschränkt, sondern der Ge- 
meingut des ganzen Volkes war. Ausschließlich am Gotteshaus und für dasselbe 
scheinen sich die griechischen Bauformen entwickelt zu haben. Leider gähnt von 
der mykenischen Epoche bis zu den ältesten Tempelresten eine Lücke von sechs oder 
mehr Jahrhunderten. Fertig, wie Pallas Athene dem Haupt des olympischen 
Zeus entsprang, steht der Tempel vor uns; wie er geworden ist, darüber er- 
halten wir nur wenige und höchst unsichere Andeutungen, und doch muß eine 
lange Kette von Vorstufen zu dieser Höhe e1nporgeführt haben. Aus dem 
einzigen uralten Beispiel, dem Heiligtum auf dem Berge Ocha in Euboia, können 
wir nichts herauslesen, weil wir nicht wissen, ob wir es als unmittelbaren( Vor- 
läufer des späteren Tempels oder als Sonderart anzusehen haben. Es besteht 
aus einer einfachen rechteckigen Cella, welche den Eingang aus einer Langseite 
zwischen zwei Fenstern hat. An mehreren der ältesten Te1npeltrümmer scheinen 
einige später notwendige Bauglieder zu fehlen oder abweichend gebildet zu sein, 
aber wir können nicht entscheiden, ob darin Zwischenstufen gegeben sind. Wir 
wissen auch nicht, ob Vitruv, der römische Schriftsteller über Baukunst, recht 
hat, wenn er als älteste Form den Antentempel ausstellt, oder ob nicht etwa 
der Peripteros mit seiner rings um die Cella laufenden Säulenhalle ebenso alt 
ist; für beide Ansichten lassen sich gute Gründe anführen. So müssen wir uns 
also damit begnügen, den griechischen Tempel als fertiges Ganze hinzunehmen, 
über dessen Ursprung wir keine Rechenschaft geben können; er erscheint wie eine 
persönliche Schöpfung, was seiner Wirkung nur noch zum Vorteil gereicht. 
Eins steht wenigstens- für den dorischen Stil mit Sicherheit fest, daß der 
Steinstil durch Ubertragung aus dem Holzbau entstanden ist. Ja an manchen 
Gebäuden scheinen selbst noch in später Zeit die oberen Teile aus Holz gewesen 
zu sein (vergl. auch Heraion zu Olympia S. 84). Es läge nahe anzunehmen, daß 
die Elemente der griechischen Baukunst aus dem Orient stammen, da auch griechische
        

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