Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4368088
Die bt)zantinische Kunst. 
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die Geschichte unerhörte Vorgang, daß die Kultur sehr bald erstarrt und fast un- 
verändert fortlebt, so daß das Reich in der Mitte des 15. Jahrhunderts, als es 
unter dem siegreichen Schwerte der Türken zusammenfiel, bei der völligen Ver- 
änderung der übrigen Welt im wesentlichen von demselben Geiste erfüllt war wie 
zu Anfang. Das erinnert an altorientalische Reiche, und in der That, es finden 
sich noch viele andere Berührungspunkte mit jenen, so daß das byzantinische Reich, 
in merkwürdigem Gegensatz, zu seiner Verbindung mit dem klassischen Altertum, 
mehr orientalisch als europäisch erscheint. Der schrankenlose Despotismus, der 
sich schon im römischen Reich herausgebildet hatte, wurde hier zur unanfechtbaren 
Einrichtung, bei allen Kämpfen nnd Greuelthaten handelte es sich immer nur um 
die Person des Herrschers, nicht um das System. Nicht wie in Rom wurde 
erst der verstorbene Kaiser vergöttert, sondern schon der lebende, und ein klein- 
liches nnd fklavisches Ceremoniell beherrschte das ganze Hofleben. Aber nicht 
genug damit: dieses künstliche System wurde auch auf den ganzen Staat über- 
tragen, der einen vollkommen bureankratischen Charakter hatte, in welchem alles 
von oben her geregelt wurde. Wie die Religion der altorientalischen Völker hatte 
das Christentum hier kein innerliches, sich weiterbildendes Leben, sondern an 
Stelle der freien sittlichen Erfüllung der Anforderungen der Religion waren das 
gesetzliche Fasten und die Rechtgläubigkeit getreten. Das Christentum betont ja 
allerdings wie die Einheit der Gottheit, so auch die Einheit der Welt und die 
Unterordnung des einzelnen stark, aber es gibt andererseits dem Menschen auch 
vollste individuelle Freiheit; im byzantinischen Reich wurde ausschließlich das erstere 
beachtet, und die neuplatonische Philosophie, welche dort entstand und sich aus- 
breitete, sprach das in ihren Lehrsät;)en aus. Orientalisch war der ganze Charakter 
des byzantinischen Lebens, die weichliche Genußsucht und üppige Schwelgerei, 
andererseits die Härte und Grausamkeit; alle Lebensformen, selbst die Tracht mit 
ihren reich gestickten, faltenarmen Gewändern bildeten sich in orientalischer Weise aus. 
Aber im byzantinischen Reich wurden doch auch die Knnstfertigkeiten des 
klassischen Altertums und die ganze antike Bildung bewahrt, sie lebten unmittelbar 
in einem Volke nach, das fast bis zu seinem Untergang das höchst civilisierte in 
Europa war. Die Antike war allerdings trog unmittelbarer Fortführung in den 
meisten Fällen allmählich ins gerade Gegenteil verkehrt worden. Gar der Kunst 
kam der kt5nservative Charakter des Reiches sehr zu gute. Es ist aber viel weniger 
die Antike, welche darin fortlebt, sondern, wie ja bei dem inhaltlichen 
Zusammenhang ganz natürlich, die altchristliche Kunst und jene nur insoweit, 
als sie in dieser enthalten ist. Freilich in ihrer eigentlichen Absicht und Ver- 
wendung wurde die Kunst gegen die altchristliche Weise analog der Religion gänz- 
lich verändert. Die Erzählung der heiligen Geschichte durch die Kunst war weder 
einfach symbolisch, noch naiver Selbstzweck. Die st)mbolische Bedeutung, welche sie 
Aus den altchristlichen Sarkophagen z. B. hatte, wurde in spihfindige Deutelung 
verkehrt. So z. B. wird in den Handschriften der Psalm ,,Meine Feinde reden 
Arges wider miih" durch den Verrat des Judas illustriert. Zu der Parabel von 
den Arbeitern im Weinberg wird nach der Vorschrift des später zu erwähnenden 
Malerbuches vom Berge Athos Christus gezeichnet mit den vier Ordnungen der
        

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