Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4364419
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Neue Anfänge nach der dorisä)en Wanderung. 
Die Kunst bleibt vorläufig noch ganz beim Kunstgewerblichen. 
Die frühesten Denkmäler nach der dorischen Wanderung sind bemalte Thongefäße. 
Ihr Stil wird nach der Art ihrer Bemalung der geometrische oder nach der 
Hauptfundstätte der vortrefflichsten Stücke, in den Gräbern vor dem Dipylonthore 
von Athen der Dipylonstil genannt. Welchem Stamme die damaligen Be- 
wohner Attikas angehörten, steht nicht fest. Dieser Stil scheint ein gemeinsames 
BesiHtum vieler europäischer Völker gewesen zu sein, seine Spuren finden sich 
selbst im Norden. In Griechenland aber zeigt er einige sehr wesentliche Merk- 
male, die ihn hoch vor allen ähnlichen Erscheinungen heraus heben. Er tritt 
bald nach der dorischen Wanderung auf und reicht sin seinen let;-ten Auslänfern 
bis ins 6., vielleicht noch ins 7. Jahrhundert. 
Schon die Form der Gefäße unterscheidet sich scharf von denen der 1nhkenischen 
Epoche und läßt echt griechischen Geist erkennen. Die mykenischen Gefäße gehen fast 
immer von der Kugelform aus, diejenigen des geometrischen Stils von der Eiform. Das 
ist ein bedeutender Schritt, denn die Kugel drückt nur das Zusammenfassen aus, während 
in dem Ei das sich öffnende, der Ein- und Ausguß in der stampfen Seite betont ist, 
und an die spihe Seite sich der Fuß auf natürliche Weise anschließt. Außerdem ist ein 
reicheres Linienspiel entstanden. Die Gefäße geometrischen Stils dienen auch nicht mehr 
ausschließlich dem täglichen Gebrauch, sondern die großen Dipylonprachtvasen hatten gar 
keinen Boden, und wurden aus den Gräbern der Verstorbenen aufgestellt, um die Wein- 
spenden in ihrer Höhlung zu empfangen. Die mykenischen Gefäße sind, so weit sie er- 
halten sind, fast ausschließlich mit Motiven aus der Natur geschmückt, von linearen Ver- 
zierungen kommt nur die Spirale vor. Ganz im Gegensatz- dazu scheinen bei den geo- 
metrischen Vasen die Motive der Weberei oder noch mehr der Stickerei entnommen, und 
lineare Verzierungen spielen daran die Hauptrolle. Ein wirklicher Kunststil ist gefunden 
und so klar zum Bewußtsein gekommen wie vorher bei keinem Volke der Erde. Das 
zeigt sich auch in der sinnvollen Verteilung des Ornaments, das immer dem betreffenden 
Gesäßteil entsprechend gebildet ist. Auch die Tiere und menschlichen Figuren, welche in 
diesem Stil vorkommen, sind durch gleichmäßige Wiederholung ornamental verwertet. 
Durch den sigürlichen Schmuck zeichnet sich der griechische geometrische Stil vor dem der 
übrigen Völker aus. Größere Darstellungen kommen nur an den großen Prachtstücken 
vor, und zwar sind es immer Vorgänge aus dem täglichen Leben: F-estspiele, Chöre, 
Krieger- und Wagenzüge, Kampsscenen und vor allem Seeschlachten und Begräbnisscenen. 
Auf einer großen beim Dipylon gefundenen Vase ist ein Leichenzug geschildert (Abb. 18). 
Der Tote liegt aus einem hohen von zwei Pferden gezogenen Leichenwagen. Zu beiden 
Seiten sind klagende Männer und Frauen aufgereiht. Diese Scenen befinden sich zwischen 
den Henkeln, welche auf natürliche Weise zwei Felder begrenzen. In einem unteren un- 
unterbrochenen Streifen dagegen zieht sich ein langer Wagenzug um das Gefäß, wahr- 
sTheinlich das Gefolge des Toten. Die Ausführung scheint sehr kindlich zu sein: der 
Menschliche Kopf wird durch einen Kreis mit einem Punkt darin, welcher das Auge an- 
deutet, und einem die Nase vorstehenden scl)nabelartigen Auswuchs gegeben, der Oberkörper 
bildet ein auf der Spitze stehendes Dreieck, die Arme hängen wie Stecken an den Schultern. 
Die Männer tragen an der Hüfte einen Dolch, die Frauen sind durch die über das 
Dreieck hinausragende Brust gekennzeichnet. Die auf dem Wagen stehenden Männer haben 
einen sonderbaren Schild umgehängt. Ebenso schematifch sind die Pferde gezeichnet. 
Wenn wir aber die Zeichnung in nähere Erwägung ziehen, so erstaunen wir über das 
sichere Gefühl für das Wesentliche und Charakteristische, das sich darin offenbart. Wie 
Mhk1g ist das Grundschema eines menschlichen Körpers erkannt, wie lebendig und ans- 
drucksvoll ist die Bewegung der Arme trog ihrer Steckenhastigkeit, mit welcher Sicherheit 
IF das VEzSICk)nende in Hüfte und Bein erkannt, und mit welchem Stilgefühl fügen sich 
Wie iTheMcct1schen Figuren in die ebenso schematisä)en Or-namente ein! Der ganzen ab- 
ftF0kteU AUff0fi1ZUg sUtspVEkht es, daß für die Malerei ausschließlich schwarz verwendet 
wird. Wenn wir das volle Verdienst der Figuren wollen fchähen lernen, so müssen wir 
sie mit denjenigen auf den legten Busen des mhkenischen Stils vergleichen (Abb.  
DIE Ist die EIUzEkVEObUc)tUng sehr viel reicher: Gesicht, Helm, Panzer, Beinschienen,
        

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