Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4366934
Die Plastik der k)ellenistischen Epoche. 
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Die Gruppe des Laokoon 11nd einige andere Werke; 
Ungefähr zu derselben Zeit, in welcher der kriegerische Erfolg des Attalos 
die perga1nenische Kunst hervorrief, entwickelte sich auch in dem einzigen griechischen 
Freistaat eine bedentendere Kunstblüte, auf Rhodos. In die reiche Handelsstadt 
war Lysippische Kunst durch Chares von Lindos, den Meister des Sonnenkolosses, 
übertragen worden. Schon Lysipp selbst hatte die Statue eines Sonnengottes 
auf seinem Viergespann für Rhodos geschaffen, hundert andere Kolosse wurden nach 
dem des Chares dort aufgestellt, eine Anzahl von Jnschriften nennt uns viele 
Künstlernamen. Wir sind über die rhodische Kunst eigentlich nur durch ein 
seinziges Werk näher unterrichtet, durch den Laokoon. Im übrigen wissen wir, 
daß sie den Zeitraum nach Alexander bis zum Beginn der Kaiserherrschaft ans- 
fiillte. Von Gegenständen werden uns hauptsächlich Bildnisse und Ehrenftatuen, 
außerde1n ein rasender Athamas und ein Herakles bekannt, nur Philiskos, der 
wahrscheinlich in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. lebte, hat einen größeren 
Darstellungskreis gehabt: Leto, Artemis, Apoll und die neun Musen. Zu den 
Künstlern der früheren Zeit und nicht, wie neuerdings aufgestellt ist, erst in das 
letzte Jahrhundert vor Christus gehören auch die Meister des Laokoon (Abb. 214): 
Agesandros, Athanodoros nnd Polydoros, der erstgenannte wahrscheinlich 
der Vater der beiden letzteren. Wenige Kunstwerke der Antike sind in so weiten 
Kreisen bekannt wie der Laokoon, keines hat seit dem Wiedererwachen der Begeisterung 
für das klassische Altertun1 im vorigen Jahrhundert eine so umfangreiche Litteratur 
hervorgerufen und ist von so vornehmen Geistern besprochen worden; Winckelmann 
hat die Gruppe als das größte Meisterwerk aller Zeiten gepriesen, Lessing hat sie 
zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen über bildende Kunst erlesen. Wir stehen 
dem Werk heute ganz anders gegenüber, da uns die gesamte Entwickelung der 
griechischen Kunst erschlossen ist und wir unser Auge an früheren S(höpfungen 
haben bilden können.  
Wie im 4. Jahrhundert nach den tnalerischen Tändeleien des Pausias und anderer 
attischer Maler Nikias aufgetreten war mit der Forderung, ernstere und würdigere Gegen- 
stände der Kunst zu wählen, so erschallte der Ruf der pergamenischen Monumeutalkunst 
mit ihrer Darstellung des Historisch-Heroischen mahnend in die hellenistische Epoche, welche 
sich gar zu sehr in das Poetisih-Träumerische verloren hatte, das von Attika ausgegangen 
war. Während die furchtbare Wirklichkeit der g-allischen Gefahr und deren ruhmreiche 
Z11rückweisung die historische Kunst erzeugt hatten, erlas man zu Rhodos, wo der Anlaß 
der packcnden Gegenwart fehlte, im Laokoon einen heroischen Stoff, um durch einen 
bedeutenderen Gegenstand der Plastik zu neuer Größe zu verhelfen. Nicht aus unmittel- 
barem Empfinden also, wie in Pergamon, kam man dazu, sondern durch verstandesmäßige 
Reflexion, und ebenso ging man verstandesmäßig an die Ausführung. Die Künstler suchten 
sich vor allem eine andersartige Kenntnis vom menschlichen Körper ZU VETic)UffSU, Als es 
bisher der Fall gewesen war. Bisher hatte man sich damit begniigt, den lebendigen 
Körper, sei es in Ruhe, sei es in lebhafter Bewegung zu beobachten und auf diese Weise 
kennen zu lernen. Die rhodischen Künstler dagegen gingen darüber hinaus und studierten, 
das beweist der Laokoon schlagend, die Anatomie des Menschen an secierten Leichen. Das 
Element der Gelehrsamkeit, das in der hellenistischen Zeit überhaupt eine so große Rolle 
spielte  ist doch Alexandria dafür ein Musterbild für alle Zeiten  trat nun auch in 
die Kunst ein. Die erworbenen anatomischen Kenntnisse nutzten die Künstler in ihren 
Werken einseitig aus, indem sie wie am Körper des Laokoon alles das, was in Wirklich- 
keit die einzelnen Muskeln für das Auge halb verhüllt, fortließen. Die Meister des Laokoon 
-haben den Körpern alles genommen, was zwischen der Haut und den Muskeln liegt, das
        

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