Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4365345
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Das Zeitalter der großen Persönlichkeiten. 
Erfolg als der Meister von Olympia ein halb tierisches Wesen geschildert, mit 
stumpfer, breiter, aufgeworfener Nase, in die Höhe gezogenen Augenbrauen, nach 
oben a11sladender Stirn, der nur noch die kleinen Hörner fehlen, spik,en Ohren, 
struppigem Haar und Bart. Welch reiches Spiel der Muskeln hat der Künstler 
in diesen beiden so verschieden gebildeten Körpern durch die Bewegung hervor- 
zubringen gewußt! Alle Muskeln sind angespannt und in den beiden 
aualogen Körperhälften in verschiedener, meist entgegengesetzter Weise thätig. 
Der Künstler beherrscht den Körper als einheitliches Ganzes, als ein mechanisches 
Werk, in welchem jeder einzelne Teil durch die angenblickliche Lage der anderen 
bedingt wird und unter dem Einfluß der herrschenden Bewegung steht. Es ist 
jedoch nicht ,,ein Punkt im Flusse der Bewegung " (Brunn) dargestellt, sondern das, 
was der Mechaniker den toten Punkt nennt, der kurze Ruhepunkt zwischen einer, 
Bewegung und ihrer Gegenbewegung. Es ist erklärlich, daß eine gedanklich 
arbeitende Kunst auf diese Ubergangsstufe zwischen ruhig stehenden und bewegten 
Figuren verfällt. Es ist ein Augenblick wirklicher Ruhe, wenn auch nur ein ganz 
flüchtigen Da aber im toten Punkt nicht nur die gewollte Thätigkeit, sondern 
auch die durch das Beharrungs- oder Trägheitsgesetz, fortgesetzte Bewegung auf- 
gehoben ist und erst eine neue außerhalb der Bewegung liegende Kraft wieder den 
Anstoß geben muß, und wir diese Kraft, die hier im menschlichen Willen liegt, 
nicht direkt empfinden, so erscheint die Statue trog der heftig bewegten Stellung 
nicht im vollsten Sinne lebendig; dazu kommt es erst, wenn der Künstler wirklich 
einen Punkt im Flusse der Bewegung findet, welcher die Fortsetzung derselben 
entweder nach dem Beharrungsgesetz oder aus anderen von uns unmittelbar em- 
pf11ndenen oder vorausgeset;,ten Gründen garantiert. 
Erschöpfende Darstellung des physischen Lebens war, wie schon die 
Alten sagten, das Hauptaugenmerk Myronischer Kunst. Außer dem Diskobol,.der 
als Siegerstatue anzusehen ist, hat der Künstler viele andere Athletenbilder 
geschaffen, auch unter den Heroen derartige Gestalten wie Herakles 1md Perseus 
bevorzugt. Bei dieser Richtung überrascht es nicht, daß er auch in Tierdarstellungen 
besonderen Ruhm erlangte. Am meisten war er im Altertum bekannt durch seine 
eherne Kuh, die ursprünglich als Weihgeschenk auf der Pnyx zu,Athen aufgestellt, 
später nach Rom in den Friedenstempel kam. Nicht weniger als 36 erhaltene 
Epigramme feiern sie, alle rühmen ihre unübertreffliche Naturwahrheit und sprechen 
in dichterischer Übertreibung von Verwechselung mit wirklichen Kühen. Bei alledem 
aber verlor sich Myrons Stil niemals in Naturnachahmung im einzelnen, ja er 
legte in nebensächlichen Dingen darauf so wenig Wert, daß er bei altertü1nlicher 
Behandlung des Haares stehen blieb. Selbst Haar und Bart des Marsyas, in 
dem der Künstler doch eine natürliche Charakteristik des Waldmenschen anstrebt, 
zeigen nicht freien natürlichen Stil, sondern machen mehr den Eindruck von 
Bartflechten, wie sie an den Bäumen wachsen. Das sollte bei der Zuschreibung 
unsicherer Statuen an Myron vor allem im Auge behalten werden. 
So hat Myron die attische Kunst in der Form bis auf Nebensachen allseitig 
vollendet und sie fähig gemacht, alles auszudrücken. Der Künstler, welcher die 
peloponnesische Kunst zu diesem Gipfel emporführte, war Polyklet, ja sie hat in
        

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