Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4365145
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Das Zeitalter der großen Perfönlic1;keiten. 
sicher zugehörig. Allgemein angenommen ist jeHt, daß die von Pausanias genannten 
Künstler Paionios von Mende in Thrakien und Alkamenes, der wahrscheinlich 
von Lemnos stammte, die Skulpturen nicht gearbeitet haben. Wohl aber ist es 
nicht unmöglich, daß mit diesen beiden Nordgriechen wenigstens die Gegend 
bezeichnet ist, aus welcher die Künstler stammten, und sollte auch das nicht richtig 
sein, so ist damit vielleicht doch ihr Volksstamm getroffen, denn von allen Hypo- 
thesen hat die meiste Wahrscheinlichkeit die, in dem Künstler einen Jonier zu erblicken. 
Wie die Giebelsiguren rechneten die Statuen von der heiligen Straße bei Milet, 
der Fries von Assos, die Reliefs vom Harpyiendenkmal und andere ionische Werke 
auf reiche Bemalung, in allen macht sich der Mangel an systematischer Schulung 
bemerkbar. Dabei aber ist den Joniern kräftige Initiative eigen, sie haben zuerst 
von allen griechischen Stämmen die Kunst ausgebildet, und immer haben sie derb 
und kräftig zugegriffen und nicht viel nach Adel und Stil gefragt, wenn sie nur 
Natürlic)keit erreichten; das zeigt sich vor allem an der Arkesilasschale mit ihrer 
verblüffenden Wahrheit und ihrer vulgären Auffassung. Dieser kecke Wagemut 
spricht sich auch in den olympischen Skulpturen aus, ja dem anmutigen Erzählungston 
der Metopen fehlt es nicht an Laune, und sogar ein leichter spöttischer Humor 
macht sich in der weindunfterfüllten Rauferei bei der Hochzeit des Peirithoos geltend, 
die zusammengeballten Gruppen stechen gar sehr ab von dem heroischen Ton, in 
welchem z. V. in attischen Reliefs derselbe Gegenstand vorgetragen wird, alles 
Eigenschaften der Jonier, die wir schon bei Gelegenheit der Gefäßmalerei kennen 
gelernt haben. Aus dem ionischen Ursprung des Künstlers erklärt es sich auch, 
daß seine Werke so ganz außerhalb der Entwickelungslinie im Mutterlande liegen. 
Die ionifche Kunst war in der Epoche vorher fast gänzlich abgestorben, alle ihre 
früheren Eigenschaften aber waren latent und brachen nun in einer kräftigen 
Persönlichkeit durch, als ihr eine große Ausgabe gestellt wurde. 
Was fpeciell Nordgriechenland anbetrifft, so ist unsere Kunde darüber 
allerdings sehr lückenhaft, aber wir besihen doch immerhin einige Werke aus der 
ersten Hälfte und der Mitte des 5. Jahrhunderts, aus denen wir uns eine Vor- 
stellung von der nordgriechischen Kunst dieser Zeit bilden können. Da sind zunächst 
die Nymphenreliefs von der Insel Thasos im Louvre, die wahrscheinlich 
von dem äußeren Schmuck einer Grabkammer stammen, wie die kleine Thür zu 
beweisen scheint; sie stellen dar Apollon, gefolgt von Nymphen, und Hermes mit 
Charitinnen. Die männlichen Figuren sind ftiliftisch weit mehr vorgeschritten als 
die weiblichen; das ist nur daraus zu erklären, daß, wie es an abgelegenen Orten 
öfters vorkommt, altertümliche Einzelheiten länger bewahrt wurden. Ferner haben 
wir eine Reihe von Grabstelen. Diese nordgriechischen Werke haben in ihrer 
Weichheit und Fülle Verwandtschaft mit den k1eiuasiatisch-ionischen Arbeiten. Ein 
wie vortrefsliches Resultat diese Eigenschaften, verbunden mit immer vollkommener 
werdenden Formen, oft ergeben, das zeigt das Grabmal der Philis von 
Thasos im Louvre. Die Verwandtschaft dieser Werke mit den Skulpturen von 
Olympia ist nur sehr gering, wohl aber finden wir in einem anderen Werke eines 
Nordgriechen einen dem plastischen Schmuck des Zeustempels durchaus ähnlichen 
Geist. Es ist die berühmte Nike des Paionios von Mende, welche die
        

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