Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Altertums und des Mittelalters bis zum Ende der romanischen Epoche
Person:
Zimmermann, Max Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952388
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4365127
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Das Zeitalter der großen Persönlichkeiten. 
die Freunde Peirithoos und Theseus, holen zu wuchtigem Schlage mit der Axt aus. 
Leider sind von leHterem nur die Füße erhalten. In wildem Kampf beißt der Kentaur 
rechts den Jüngling in den Arm. Wie in den Dreiergruppen zunächst der Mitte ist 
auch in denen zu äußerst eine ähnliche Stellung der drei Figuren höchst geistreich variiert. 
Jedesmal hat der Kentaur versucht, seine schöne Beute auf seinen Pferderücen zu schwingen, 
und ist zu diesem Zweck nieder-gekniet. 
In der Komposition ist dieser Giebel dem vorderen weit iiberlegen. Das 
braucht uns aber nicht zu hindern, für beide Giebel denselben Künstler anzunehmen, 
da die übrigen Stileigentiimlichkeiten durchaus gleich sind. Auch in den Metopen, 
welche ebenfalls dieselbe Hand verraten, ist die kompositionelle Bedeutung sehr ver- 
schieden: während die Atlasmetope mit ihren drei ruhig nebeneinander stehenden 
Figuren mehr dem vorderen Giebel entspricht, ist die Metope mit dem kretischen 
Stier dem hinteren Giebel mit seiner reich bewegten und durchdachten Komposition 
verwandt. Der vordere Giebel zerfällt in fünf Gruppen, die Mittelgruppe mit 
den ruhig nebeneinander Stehenden, die Viergespanne mit ihren Knechten davor 
und die je drei Figuren in den Ecken. Das ist gar zu schematisch, und die Mittel- 
gruppe ist langweilig. Es fehlt der ganzen Scene überhaupt die dramatische 
SpiHe. Wie fein dagegen und reich belebt läuft die Umrißlinie im hinteren Giebel 
über die Köpfe und Oberkörper sämtlicher Statuen, wie stark ist auch da die Ent- 
sprechung und doch wie reich der Wechsel! 
Herrlich modellierte Körper haben wir in den Metopen gefunden, und die 
treten uns auch hier in den Göttern und nackten Helden entgegen. Edel und groß 
wie Athena im Augiasrelief stehen die Götter, die beiden Gegner Pelops und 
Oinomaos und Sterope da. Daneben aber treten höchst merkwürdige natura- 
listische und genreartige Motive auf. In einer Metope siHt Athena nachlässig 
wie ein einfaches Mädchen auf dem Fels, im Oftgiebel spielt der Knabe mit seinem 
Fuß, und mehrfach kommt es dort vor, daß die Personen spielend ein Stück ihres 
Gewandes fassen, eine bequeme, aber nicht sehr geistreich erfundene Beschäftigung 
für die Hände, selbst der Göttervater verschmäht dieses kleinliche Motiv nicht. 
Der Künstler liebt naturalistische Charakteristik: als tückischen fettleibigen Greis 
lernen wir Myrtilos kennen, und die beiden vorderen Dienerinnen im Westgiebel 
find alte Frauen. Der Kopstypus im allgemeinen hat etwas Brutales mit seinem 
massigen Kinn und den wulstigen Lippen. Mit wahrer Lust schildert der Künstler 
die derben, rohen, tierischen Physiognomien der Kentauren, und dem Jüngling in 
der Zweiergruppe rechts hat er einen höchst iiberraschenden naturalistischen Kopf 
gegeben. Keinen größeren GegensaZ kann man sich denken, als zwischen den takt- 
mäßigen Bewegungen der äginetischen Statuen mit ihrer Erinnerung an den 
ExerzierplaH und dem lässigen, ungezogenen Gebaren der olympischen Personen. 
In Agina klingt die noble Ritterlichkeit des Kampfes bei Homer wieder, in dem 
aus einem Gelage erwachsenen Kampf der Lapithen und Kentauren aber ist jedes 
Mittel erlaubt, es ist nicht mehr als eine Rauferei. Während in Ägina die 
Statuen an der Rückseite nicht weniger sorgfältig gearbeitet sind als vorn, hat der 
olympische Künstler nicht nur die Rückseiten vernachlässigt, sondern manche Gestalten 
platt gedrückt, wie den kauernden nackten Knaben vom Ostgiebel, und in anderen 
unter der Hülle des Gewandes den Körper vergessen, besonders arg bei der Frau
        

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