Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Stadtkrone
Person:
Taut, Bruno Scheerbart, Paul Baron, Erich Behne, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952358
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3914768
Wenn es nun wirklich der soziale Gedanke ist, der ans Licht strebt und 
noch unter der Oberfläche vergraben ruht, ist es dann überhaupt möglich, 
etwas Latentes zu gestalten? Die Antwort lautet: die Kathedralen, die Riesen: 
tempel sind auch einmal entstanden, einmal waren sie noch nicht da und 
einmal wurde ihr Gedanke hier und da, immer in einem einzelnen Archi: 
tektenkopf geboren. Was heute prangend wie selbstverständlich dasteht, 
einmal wurde es als Idee zum ersten Male aufgeworfen, geplant, als der 
Wunsch dazu nur unklar im unbestimmten Sehen der Volksseele ver, 
schlossen lag. Doch wird man sagen: da waren kleine Anfänge, schüchterne 
Versuche, aus denen nach und nach der große Dom herauswuchs, als Folge 
einer Tradition, die immer und immer das Gleiche bildete, bis es dann in 
kühner Größe als Resultat langer Übung sich ergab. Ich meine, es muß 
schon in den kleinsten Anfängen die Idee, die Tendenz dagewesen sein, da 
es doch Menschenwerk ist. Freilich war das letzte Ergebnis dann unbegreifs 
lich, so daß heute im Volksmunde der Inder die Erbauung der Wunder: 
tempel den Göttern zugeschrieben wird, obgleich selbst für ganz große An- 
lagen wie AngkoraVat (Abb. 23) der Name des Architekten (Diwakara) 
überliefert ist. Haben wir nicht vielleicht solche Anfänge? Aus dem Nichts 
wächst nichts. Und Architektur entsteht nur, wennisie von einer Handlung 
getragen ist. Es ist nicht möglich, einen bloßen Gedanken ohne einen Hand; 
lungsvorgang Architektur werden zu lassen, weshalb alle modernen Denk: 
malsversuche zur Unfruchtbarkeit verurteilt sind, da nichts an und mit 
ihnen geschieht und sie schon in der Absicht auf äußerlicher Nachahmung 
mißverstandener alter Werke beruhen. Der religiöse Vorgang im Tem: 
pel,. das Opfer, die Messe u. dgl. war nötig, um, die großen Bauten zu 
schaffen. x" 
Wenn wir im sozialen Gedanken die Möglichkeit der Stadtkrone sehen, 
so müssen wir untersuchen, welcher Art die Handlungen sind, in denen sich 
dieser Gedanke schon heute kund tut. Was will die Volksmasse heute, was 
tut sie? Gibt es nicht Veranstaltungen, in denen sich in verhüllter Form 
wenigstens die Sehnsucht der Menge äußert? Gehen wir zu den Orten, zu 
denen sie sich begibt, um abseits von materiellen Wünschen ihre Muße zu 
verbringen, und wir kommen dann zu den Vergnügungsstätten, vom Kino 
bis zum Theater aufwärts, oder zu Volks: und Versammlungshäusern, zu 
denen sie ein politischer Drang oder der Wunsch, die Gemeinschaft zu 
empfinden, hinzieht. Es sind also zwei Triebfedern da, das Vergnügen und 
der Gemeinschaftsdrang, die schon jetzt zahlreiche Bauten ins Leben gerufen 
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