Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Stadtkrone
Person:
Taut, Bruno Scheerbart, Paul Baron, Erich Behne, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952358
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3914661
liehen Phantasie kann aber zu festen tiefgreifenden Formen führen, wenn sie 
nicht im inneren seelischen Leben, in dem ganzen Daseinsgefühl des M61): 
schen wurzelt. So sollte schon bei jener Einreihung der Architektur in 
eine so bescheidene Stellung ihre Erklärung aus dem Zweck heraus nicht 
mehr genügen, wenn man nicht den nZweckw weiter und ganz unbeß 
schränkt faßt.  
Wie jede andere Kunst, muß die Architektur im ganzen Sein des Menschen 
wurzeln, in all dem, wodurch er seinen eigenen Wert, seine Beziehung zur 
Welt fühlt. Bei der ihrer Natur nach bedingten Abstraktheit ihrer Formen, 
wegen deren man sie zuweilen in irreführender Weise mit der Musik vers 
gleicht, muß dieser anschauungshafte Kern, von dem ihre Entstehung aus: 
geht, besonders deutlich und stark sein. Sie kann nicht oder nur schwer wie 
die Musik lyrisch die wechselnden Stimmungen ihres Schöpfers geben. Was 
in Stein als Denkmal menschlichen Geistes für Jahrhunderte in die Höhe 
ragt, muß auf einer breiten und starken Grundlage des Empfindens beruhen. 
Ist wohl ein Einzelner der geistige Schöpfer, so braucht doch ein Bauwerk 
zu seiner Entstehung viele Hände und viele materielle Mittel, und um diese 
zum Regen zu bringen, muß der Architekt das Bewußtsein und die Kenntnis 
aller tieferen Empfindungen und Anschauungen in sich tragen, die die Ge: 
samtheit beherrschen, für welche er bauen will, freilich nicht allein die ephe, 
meren, das was man den wZeitgeistcc nennt, sondern vielmehr jene noch 
schlummernden latenten Seelenkräfte des Volkes, die, in Glauben, Hoffnung 
und Wünschen verhüllt, ans Licht streben und im höheren Sinne wbauenx 
wollen. Dies ist schon dazu nötig, um die Aufgaben zu lösen, welche scheine 
bar nur auf dem Zweck beruhen, da schon dabei nicht die praktische Fort 
derung, sondern die formende Phantasie die Architektur erzeugt. So zeigt es 
sich, daß es etwas ganz Anderes als die Zweckgebundenheit ist, was den 
Willen des Baukünstlers ausmacht, und so erklärt es sich, daß dieser Wille 
über und jenseits des eigentlich Praktischen liegt und daß das Höchste, 
wonach sein Wille strebt, in, den Bauten liegt, deren praktischer Zweck ein 
geringfügiger oder gar keiner ist. 
In jeder großartigen Kulturepoche ist es der jenseitig über das Erdenhafte 
gerichtete Bau, zu dem alle schauen und auf den sich der Bauwille der Zeit 
richtet. Die heutigen enggebundenen Begriffe über das Bauen erhalten, so 
gesehen, ihre vollständige Umkehrung. Der Dom, die Kathedrale über der 
alten Stadt, die Pagode über den Hütten der Inder, der ungeheuere Tempel: 
bezirk im Rechteck der chinesischen Stadt und die Akropolis über den 
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