Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Stadtkrone
Person:
Taut, Bruno Scheerbart, Paul Baron, Erich Behne, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952358
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3915386
Mühe sauber aus dem Ganzen herauslösen könnte.  Aber sehen wir auch 
einmal in das Nebengemach, hinter den Rücken des Hl. Lukas. Dort liegt 
ein Buch auf dem Lesepult. Sind nicht seine beschriebenen Spalten, gerade 
so wie sie da sichtbar werden, mit den umrahmenden weißen Rändern, 
abermals der Typ des Triptychons aus drei rechteckigen Feldern? Und noch 
weiter ließen sich die psychischen Zusammenhänge ohne alle Gewaltsamkeit 
verfolgen. Über dem Lesepult steht im Fenster eine schmale hohe Scheibe 
offen. Wir sehen durch die gemalte F ensterrahmung in die gemalte Land: 
schaft, und genau wiederholt sich hier das Format des Buchspiegels. Es er: 
scheint also im Fensterrähmchen noch einmal ein kleiner Ausschnitt aus der 
Natur, vom Maler offenbar mit Behagen als neues Bild im Bilde empfunden, 
ein Ausschnitt, wie er auch außerhalb des nur Gemalten, wie er auch in der 
Wirklichkeit dem Maler als Bildinhalt fast schon genügen würde. Hier schon 
ganz am Anfange der naturalistischen Entwicklung sehen wir den zufälligen 
F enster: oder Türausschnitt als bildergebendes Element, dem Maler unbes 
wußt, auftauchen.  
Die vorausgegangene Betrachtung dürfte den Lesern selbst den Gedanken 
bereits eingegeben haben, daß in dem Bilde des Rogier eine merkwürdige 
Spaltung des Bewußtseins vorliegen müsse. Und so ist es in der Tat. Nur 
die Benutzung der Triptychonform, die leise Neigung "über das einzelne 
Bild hinaus, weist noch in etwas auf den früheren Reichtum zurück, und in 
dem am Boden sich ausbreitenden Mantel der Madonna, der einen schwe: 
benden Bogen beschreibt, scheint noch eine letzte Erinnerung an hoch in 
Zwickeln sich ausgießende Gewandung der Göttlichen fortzuwirken. Sonst 
aber ist das Bild wie ein ausführliches Programm der neuen Zeit. 
Keineswegs verliere ich, wenn ich näher darauf eingehe, das Schicksal der 
Baukunstaus dem Sinn. Es ist die Ermattung der Baukunst, der wir hier 
folgen. Denn alle die Schwächungen, die fortgesetzt das Bild erleidet, sind 
nur-möglich, weil der Stamm fortgesetzt mehr und mehr Säfte verliert. 
Es gibt jetzt statt der idealen Fläche auf ihr einen Vorder: und einen Hinter, 
grund. Rogier malt im Vordergrunde die heilige Szene. Noch fühlt man, 
ich wiederhole es, in der Gestalt der Maria vom Zipfel des Mantels her 
bis zum geneigten Haupt einen Rest von Schmiegen in den Zwickel einer 
Wölbung. Hier ist noch ein wenig Schweben  genug, um uns an dieser 
Madonna zu erfreuen. Aber schon das Gewand des Hl. Lukas ist unsicher. 
Die Falten seines roten Mantels stocken. Sie wollen nicht mehr frei und weit 
schwingen, aber der Versuch, sie gegenständlich zu konstruieren, zuimoti: 
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