Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Stadtkrone
Person:
Taut, Bruno Scheerbart, Paul Baron, Erich Behne, Adolf
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-952358
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3915336
Traum in der Erinnerung erscheint. Sind sie nicht mehr mythisch, so weisen 
doch auch sie noch den menschlichen Maßstab für sich ab. Sie sind weniger 
kosmisch als die Glasfenster, aber sie sind noch immer phantastisch. Sie 
haben einen Rahmen um sich, aber dieser Rahmen ist noch immer als Formen: 
werk empfunden. Er ist selbst eine Architektur im kleinen Maßstabe mit 
seinen gedrehten schlanken Säulen, die die einzelnen Heiligen wohl trennen. 
aber doch nicht isolieren; mit den Spitzbogen, oft mit Maßwerk gefüllt, in 
dessen Schwingungen die Heiligenscheine sich einfügen; mit den aufge, 
setzten Tympanonfeldern, die in ein sprießendes Lanzenwerk aus goldenen 
Fialen eingereiht sind; mit den schmäleren Flügelbildern  nicht zu ver, 
gessen die fundamentartige Predella. Diese schönen Bilder sind in sich eine 
Einheit von Darstellung und Umrahmung, beide sind zugleich geboren, 
und ein Herauslösen der Heiligen, der frommen Szenen aus dem Ganzen 
ist unmöglich. Die Figuren stehen auf Goldgrund, und der Rahmen ist Gold; 
und wie der goldene Rahmen durch die Profile der Säulen von der Basis 
bis zum zierlichen Kapitell, durch die Krabben der Wimperge, durch das 
zarte Relief in den Zwickeln liebevoll und unerschöpflich verziert ist, so 
nimmt der Goldgrund der Tafeln das Spiel der Ornamentik auf in seinen 
 fein gepunzten, leis schimmernden Zieraten, die wie ein zartes Gewebe aus 
 Sonnenfäden spielen. 
Ein solches Werk lebt noch immer im Gefühl der Einheit mit der Archi, 
tektur, wenn es auch schon aus dem unmittelbaren Verbande hervortrat. 
Dennoch: nur in dem Kirchenraume zeigt es seinen vollen Sinn, nur dort, 
wo seine Spitzbögen und Säulen und alle die sonstigen Verwandten der 
Baukunst in den gebauten Formen gleicher Art ihren Rückhalt haben. 
Keineswegs ist es ja selbstverständlich, daß diese Tafeln ihre einzelnen Dar: 
Stellungen in Kurven spitzbogig ausklingen lassen. Gerade dieses gefühls: 
mäßige Haften an kurvenförmiger Umgrenzung zeigt uns, daß jenes aller. 
wahren Kunst zugrunde liegende kosmische Empfinden hier noch nicht 
ganz gebrochen ist. Gewiß, es ist die spitzbogige Endigung der Darstellungen 
zunächst ein Übernehmen gewohnter und überall ringsum geübter Formen. 
Aber weshalb diese tiefe Liebe zum Schwingenden, zum Ein: und Ausbie- 
genden, sich Kreuzenden allenthalben?  Es bringt der Kunst der Spitz: 
bogen ein Stück des Himmels, und diese Deutung ist keineswegs willkürlich 
und ngeistreichmWenn sich wie auf Sano di Pietros schönerAncona in Siena 
über der Madonna noch hoch und licht der Spitzbogen errichtet, wenn 
Maßwerkansatz die Kurven, die nicht im Scheitelpunkt, schnell zufrieden: 
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