Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Zeichnens
Person:
Ehrenberg, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-945678
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-948701
Porträtzeicmen. 
Über 
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wechseln zu lassen. Jn den wenigen Instituten und Privatstunden, in denen 
überhaupt zuweilen nach Gips gezeichnet wird, finden wir fast ausschließlich 
antike Köpfe als Vorbilder. Das ausschließliche Zeichnen nach antiken Köpfen 
erzeugt aber insofern eine einseitige Bildung, als man durch deren Studium 
hauptsächlich nur die normal schöne, nicht aber zugleich die individuelle charak: 
teristifche Form kennen lernt. 
Wiewol nun die Weckung und Entwickelung des Schönheitssinnes eine 
Hauptaufgabe ist, welche der Zeichenunterricht sich zu stellen hat, so ist doch 
auch die Bildung des Blickes für das individuell Charakteristische von großer 
Bedeutung für die äfthetische Erziehung. Denn nicht nur, daß wir dadurch 
schärfer vergleichen lernen, um das Schöne von dem Unfchönen zu trennen, 
werden wir dadurch auch unser Urteil im allgemeinen erweitern und be: 
griinden können. Wir werden auch andre Formen in ihrer Weise zu den 
,,schönenss zählen, als nur die konventionel.le Antike, die ihrer oftmaligen 
Wiederholungen wegen ein einseitiges Schönheitsgefühl erzeugt. Nur suche 
man lebensgroße Köpfe zu erhalten, wie auch alle andern Gipsfachen, 
Hände, Füße, u. f. w. in Lebensgröße sein müssen. Kleinere Abgüsfe sind oft 
so schlecht, daß man sie nicht gebrauchen kann, als höchstens dazu, durch Ver: 
gleich mit großen, reingeformten Exemplaren zu beweisen, wie schlecht sie sind 
und wie schädlich für die Nachbildung. Das Zeichnen nach schlechten Gips: 
abgüffen wirkt noch viel nachteiliger auf die Entwickelung des Formen: und 
Schönheitssinnes, als das Kopieren nach schlechten Vorlagen, und ist daher 
mit noch viel mehr Ängstlichkeit zu vermeiden, als dieses. Um die Güte eines 
Gipskopf es zu prüfen, sehe man hauptsächlich nach Augen, Ohren und Nasen: 
flügeln. Hände und Füße in Gips prüfe man an den Gelenken und Nägel: 
partien. Sehr zu empfehlen sind genaue Abgüsfe nach der Natur, die man 
z. B. nach seiner eignen Hand bei einem beliebigen Gipsgießer machen lassen 
kann. Hände mit leicht gebogenen Fingern sind besser zum Studium, als 
gestreckte. Auch wähle man Hände mit möglichst wenig Falten. Außerdem 
suche man es möglich zu machen, Arme, Beine, Oberkörper, und noch lieber 
ganze Figuren nach Gips zeichnen zu können. Ich schlage. dazu folgende 
Figuren vor: für einen weiblichen Oberkörper die Venus von Milos; für 
einen ganzen Körper, die mediceifche Venus oder Thorwaldfens Venus mit 
dem Apfel. Für eine männliche Figur den Borghesifchen Fechter Lbefonders 
wegen des MuskelfpielesI, den Diskuswerfer oder den Antinous.  Beim 
Zeichnen suche man alle Originale in ein möglichst scharfes, gefchlosfenes Licht 
zu sehen, damit die Formen recht präzis und unzweideutig hervortreten. 
Wünscht man stärkere Reflexe, so bringe man ein Stück weißes Papier oder
        

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