Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Zeichnens
Person:
Ehrenberg, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-945678
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-948149
Einteilung 
Flächen. 
Formen nach 
der 
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nicht der Kopf einen kleinlichen, süßlichen oder auch dummen Ausdruck be: 
kommen soll. Kinder machen davon eine Ausnahme, obgleich man es selten 
findet, daß das Auge wirklich größer ist als der Mund. Jst es aber der 
Fall, so hat der Mund so starke bogenförmige Schwingungen, daß dadurch 
das zu klein erscheinende geradlinige geometrische Maß von Winkel zu Winkel 
verwischt und ausgeglichen wird. Zudem erwartet man bei Kindern auch 
nicht Klugheit und Charakter, sondern einfach Unschuld. LeHtere glaube man 
aber nicht bei Erwachsenen durch einen zu kleinen Mund zu erreichen. Ein 
,,reizendes MündchenH ist immer größer als das Auge, wo nicht, so hört es 
auf reizend zu sein und wird zimperlich. 
Aus Vorsorge, nicht in das Zimperliche zu geraten, verfalle man aber 
auch nicht in das Gegenteil. Ein zu großer Mund gibt leicht Brutalität, 
rohe Kraft und dergleichen Eigenschaften. 
Weitere normale Verhältnisse lassen sich nicht wohl angeben; indessen 
genügen diese für unsern Zweck, wenn man sich dieselben gut einprägt, um 
bei der ersten Anlage eines Kopfes oder einer Figur davon auszugehen und 
danach die individuellen Abweichungen und Feinheiten hineinzulegen.  
An diesen Überblick über die hauptsächlichsten Verhältnisse wollen wir 
einige Bemerkungen reihen über die Formen mit Rücksicht auf deren Flächen. 
Damit lernen wir einen neuen Gesichtspunkt kennen, von dem aus wir zum 
Verständnis der Formen gelangen. Es ist ein vortreffliches Mittel, charakter: 
lose Gliitte und allgemeine Rundungen zu vermeiden, alle Formen in Flächen 
zu sehen und diese ihren Lagen nach zu sondern und zu vergleichen. So z. B. 
unterscheiden wir am Oberarm vier Flächen, eine vordere Fläche, welche durch 
biceps gebildet wird, eine hintere, von der Tricepssehne entftandene, und zwei 
Seitenflächen. Auch der vollste, schönste Arm ist niemals rund; durch die 
beiden Seitenflächen wird er ein wenig zusammengepreßt und abgeflacht, be; 
sonders, wenn er gebogen ist. Wenn man daher einen schönen Arm zuweilen 
dadurch bezeichnen hört, daß man sagt: ,,sie hatte Arme wie gedrechselt0, so 
ist das genau genommen gar kein so besonderes Lob, wenn auch die Meinung 
eine sehr gute ist. Bei allen Rundungen des menschlichen Körpers dürfen 
diese Flächen niemals fehlen: man soll sie verschmelzen, aber nicht ver: 
schwinden lassen. 
Daß besonders bei Köpfen die Flächeneinteilungen unterbleiben Lin er: 
klärender Weise von seiten des Lehrers dem Schüler gegeniibers, darin liegt 
eine nicht unbedeutende Ursache, weshalb die Zeichnnngen der meisten Dilet: 
tanten so mangelhaft sind. Hundertmal haben sie z. B. ein Auge gezeichnet, 
entweder kopiert, oder im besten Falle nach der Natur zu zeichnen versucht
        

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