Bauhaus-Universität Weimar

Städteschau 
Berlin 
Das Berliner 2lusstellungswesen des letzten 
Winters stand unter dem Zeichen der englischen 
Malerei. Die erste nennenswerte und mit be- 
sonderer Feierlichkeit eröffnete 2lusstellung (Sep- 
tember s907 bei Schulte) wurde veranstaltet von 
der ,,international Society of Sculptors, painters 
and Gravers". Jm Januar kam dann die 
tausendfach besprochene große englische Aus- 
stellung der 2lkademie. Jhr Erfolg war für 
Berlin  das Wort ist hier wirklich einmal 
beredYtigt  beispiellos. Bis zum letzten Tag 
war in der 2lkademie ein Gedränge, wie man 
es selbst in der Nationalgalerie zurzeit der Jahr- 
hundertausstellung nicht erlebt hatte. Die Damen 
ließen sich auf ihre Art anregen. Hutformen, 
Haartrachten und Zuschnitt, die man bei den 
altenglischen Bildnissen kennen gelernt hatte, 
kamen in Mode. Jn den künstlerischen und den 
kunstkritischen Kreisen wogte der Streit. Die 
feierlid7en Reden bei Gelegenheit der Eröffnung 
der Sezession und der Großen Berliner brachten 
endlich den Abschluß. War man in Moabit der 
Bewunderung voll für die englische Kunst, so 
nannte Max Liebermann sie in verärgerter Stim- 
mung ,,greisenhaft". 
So starke Wirkungen müssen schon von 
starken Ursachen ausgehen, und die Ursachen des 
englischen Erfolges sind nicht einzig in den Vor- 
zügen der englischen Kunst (der älteren natür- 
lich) zu suchen, sondern ebensosehr in gewissen 
Schäden des neudeutschen Kunstschaffens. Die 
ewige 2lusländerei hat uns glücklich so weit ge- 
bracht, daß der Begriff ,,deutsche Malerei" wie 
ein Wort ohne Inhalt von jedem Kunstschreiber- 
ling bespöttelt werden darf. Die Tradition ist 
uns verloren gegangen. Jeder junge Maler 
glaubt sich berechtigt und befähigt, kraft seiner 
,,persönlichkeit" alle Überlieferung mißachten, 
und aus den Tiefen dieser seiner Persönlichkeit 
heraus ganz von vorne anfangen zu können. 
Und nun lernten wir in der englisd7en Malerei 
eine Kunst kennen, die eine Überlieferung von 
Jahrhunderten hat, eine Überlieferung, die jedem 
einzelnen ganz bestimmte Gesetze vorschrieb. 
Solche Traditionsgesetze, wurde im Deutschland 
der Sezessionen immer wieder gesagt, lassen 
keinerlei künstlerische Selbständigkeit aufkommen. 
Und die englische 2lusstellung erbrad7te den Be- 
weis, daß solche Gesetze ganz im Gegenteil die 
wirkliche künstlerische Kraft nicht vernichten, son- 
dern zur Entwicklung bringen. 
Soviel an dieser Stelle über die englische 
2lusstellung und die englische Malerei. Nur 
eine allgemeine Bemerkung ist noch geboten. Die 
Bewunderung für die englische Kunst hat sich 
vielfach in dem Wunsch geäußert, unsere Bild- 
nismaler sollten von den Gainsborough und 
Romney und Raeburn unmittelbar lernen. Bis 
jetzt ist glücklicherweise kein ernstzunehmender 
Maler dem gutgesinnten Rat gefolgt, und wir 
wollen hoffen, daß wir auch künftig von einer 
solchen Mode befreit bleiben. Wie man bei aller 
Achtung vor der Überlieferung persönlich selbst- 
ständig bleiben kann, das ist das einzige, was wir 
von den Engländern lernen können und wollen. 
Jm übrigen sind die englischen Überlieferungen 
andere als die deutschen, die uns allein angehen. 
Und wie auf den Künstler sollte die Ansstel- 
lung auf den 2lusßellungsleiter wirken. Eng- 
lisches s8. Jahrhundert haben uns die größten 
und kleinsten Berliner Kunstsalons nun wirklich 
genug gezeigt. Wie wäre es, wenn man nun 
aud1 einmal zeigte, was an guter Malerei in 
Deutschland im s8. Jahrhundert geleistet 
wurde? Die Kunsthandbücher wissen nicht viel 
davon zu sagen. Sie wußten auch nicht viel 
Gutes von der deutschen Malerei des 19. Jahr- 
hunderts, bis die große 2lusstellung in der Natio- 
nalgalerie sie belehrte. Es spricht mehr als ein 
Anzeichen dafür, daß eine groß durchgeführte 
2lusstellung ,,Deutsche Malerei des s8. Jahr- 
hundert-" ähnliche Überraschungen bereitete. 
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