Bauhaus-Universität Weimar

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Noch zwei große Ansstellungen brachte die 
2lkademie. Die eine war Fritz Werner gewid- 
met, der sie nicht lange überleben sollte. Sie 
schloß sich unmittelbar der englischen 2lusstellung 
an, aber beim Publikum war Werner längst 
außer Mode und die Säle, die im Februar oft 
geschlossen werden mußten, weil die Leute gar 
zu massenhaft andrängten, waren im März gäh- 
nend leer.  Von grundsäßlicher Bedeutung war 
die 2lkademieausstellung um die Jahr-eswende. 
2lrtur Kampf, der sie leitete, bewies wieder ein- 
mal, wie sehr er über den Kunstparteien steht. 
In der Liste der von ihm, dem Präsidenten der 
2lkademie, eingeladenen Künstler überwogen ganz 
entschieden die Sezessionsnamen. Nur die Ein- 
tagsmoden der Sezession, das Trumpfen mit dem 
Neuesten, 2lllerneuesten machte und macht Kampf 
nicht mit. Sofern eine Verständigung zwischen 
den Parteien noch heute möglich ist  und die 
sollte möglich sein!  wird sie diesem ,,2lka- 
demiker" gelingen, der so nachgiebig und doch 
ein so gerader künstlerischer Charakter ist. 
Von den Sonderausstellungen, an denen im 
Berliner Kunstwinter ja niemals Mangel ist, 
waren die wirkungS-vollsten bereits bekannten 
Künstlern gewidmet. Im Oktober machte eine 
Liljefors-2lusstellung im Künstlerhaus einiges 
Aufsehen. Die Frische dieses besten aller lebenden 
Tiermaler siegt immer wieder. Er beherrschtalles, 
was irgend in den 2lteliers zu lernen ist, aber 
seine Bilder riechen nicht nach Terpentin, wirken 
vielmehr wie die lebhaften SchilderUngen ,,aus 
dem Tagebuche eines Iägers".  Schulte hat 
das Verdienst, durch eine umfassende 2lusstellung 
von Werken Otto Greiners hier klarere Vorstel- 
lungen vom Wesen dieses Monumentalkiinstlers 
geschaffen zu haben. Der Schöpfer des episch 
großen ,,OdYsseus und die Sirenen" ist wahr- 
haftig nicht nur der ,,Schüler Klingers", als 
der er in den Kunstgeschichten gebricht ist. Mit 
Klinger, und mit Stauffer-Bern und Geyer hat 
Otto Greiner, wie Guthmann im Katalog sehr 
richtig sagte, lediglich eine gewisse Gleichartigkeit 
künstlerischer Entwicklung gemein: ,,vom Detail- 
studium der Natur im Sinne der großen deutschen 
Meister des l6. Jahrhunderts zu Monumentalität 
und Stil."  Auf engere Kreise, aber auf die 
um so stärker wirkte eine Melchior-t.Lechter-2lus- 
stellung bei Gurlitt. Lechter ist der Typus jener 
Künstler, von denen man sagen kann, sie haben 
eine Gemeinde. In seinem GlaSgemälde-Trip- 
tychon bewies er von Neuem, wie viel Sinn 
er hat für die kirchlich-feierliche Geste der Gotik, 
ihre 2lskese und Weltverachtung  und wie 
herzlich wenig Verständnis für die bäurisch ge- 
sunde, durch und durch volkstümliche Kunst, der 
wir die Farbenfreude der Gotik, ihr Ornament 
und ihre schönsten Linien verdanken. Das ist 
ja überhaupt das alte Vorurteil der Künstler 
wie der Kunstgelehrten, daß sie nur um eine 
kirchliche und nicht um eine weltliche Gotik wissen. 
Die weltliche aber war vor der kirchlichen da, 
in Hausgerät und Schmuck, und ihr wäre ein 
nachfühlender Künstler gerade heute sehr zu 
wünschen.  Den Geruch der frischen Acker- 
weide und herbe Morgenluft meinte man zu 
spüren, wenn man von der Lechterschen Aus- 
stellung hinüberkam in eine gleichzeitig bei 
Schulte tagende, die Heinrich Zügel gewidmet 
war. Als Techniker wird Zügel heute vor allem 
gerühmt. Man kennt seine breite, schwere, man 
möchte sagen: horizontale Malart (bezeichnend 
ist es übrigens, wie selten er bei seinen Bildern 
das Hochformat wählt, und wieviel weniger sicher 
er dann scheint). Wie er mit diesen scheinbar 
plumpen Mitteln seine Tiere herausmodelliert, 
daß man fühlt, wie sie beseelt sind von einer fast 
unbändigen Kraft, das ist freilich bewunderns- 
wert. Mindestens gleichbedeutend wie der Tier- 
ist aber der 2ltmosphärenmaler Zügel. 
Im März hatte das Künstlerhaus eine kleine 
Sensation vorbereitet durch die 2lusstellung der 
cLrlerschen Entwürfe zu den Wiesbadener Kur- 
hausfresken, bekannt durch das absprechende Ur- 
teil des Kaisers, der sie ,,zu bunt" fand. Der 
Kunstgeschmack des Kaisers wird in Berlin sehr 
häufig und sehr energisch kritisiert. Auch dies- 
mal hätte man gern zu (Erler als der Partei des 
Schwächeren gestanden, aber es ging beim besten 
Willen nicht. Diese Sachen waren in der Tat 
,,zu bunt". Fritz Erler hatte den Fehler ge- 
macht, Plakat- und Freskoftil zu verwechseln. 
Farben, die für den Lärm der Straßen vorzüglich 
passen mochten, gab er in einen Jnnenraum, 
und so konnte man trotz aller Gegenbehauptun- 
gen nur feststellen, daß ihm die erste Voraus- 
setzung für gute Freskokunst, der Sinn für Raum- 
wirkung fehle. 
Mit großem Prunk und vielen schönen Reden 
trat zu Beginn des Jahres Seesselbergs Wer- 
dandi-Bund in die Öffentlichkeit. Pflege deut- 
scher Kunst war sein Programm, und was er 
unter deutscher Kunst verstand, suchte er anzu- 
deuten in einer ersten, vorbereitenden 2lusstellung 
im Künstlerhaus. Die ?-lusstellung war gut und 
nicht engherzig, so daß man nur bedauern kann, 
daß ihr bisher noch keine zweite folgte. Thema 
war ausgezeichnet vertreten. Steinhaufen, Volk- 
mann, Zumbusch, die Worpsweder, der mc"irki- 
Künstlerbund und was sonst nicht noch alles 
zur Stelle war: für jeden Unbefangenen war wie- 
der einmal der Beweis erbracht, daß wir eine 
eigene deutsche Kunst heute haben. Aufgabe des 
Werdandibundes wäre es gewesen, es bei dieser 
großen Heerschau nicht bewenden zu lassen. 
Es scheint nun, als ob eine rührige kleine 
Gesellschaft die weniger effektvolle aber um so 
wichtigere Kleinarbeit, in Einzelausstellungen
        

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