Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Holbein und seine Zeit
Person:
Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-939216
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3580334
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U. Holbein und die Reformation. 
ihr Sohn sterben wird im selben Augenblick, wo sie den Fuß auf die 
Schwelle setzt. Dibdin-E) berichtet, daß der Sterbende auf diesem Blaue 
das Original von Sir Joshua Ret)nolds Gestalt des sterbenden Car- 
dinals Beaufort sei. Sehr hübsch ist ferner des Elisa Verspottung 
durch die Knaben, von großartigster dramatischer Auffassung Athalja, 
die den todtgeglaubteu Joas vor sich erblickt. Riihrend, und nicht ohne 
humoristischen Anflug, ist die Erblindung des Tobias. Von den Bildern 
aus Hiob gebührt dem ersten der Preis. Anziehend und schön componirt 
ist das figurenreiche Blatt, da Esther in köstlichem Aufzug vor ,des Königs 
Ahasverus Thron kommt nnd in seinen Augen Gnade findet. Der König 
war zu Holbeins Zeit der König von Frankreich, und so sind auch hier 
der Baldachin und Teppich des Thrones mit Lilien geschmückt. Die fol- 
genden Blätter, zum Beispiel die Bilder zu Judith und die Darstellung des 
Thoren, von dem der 52. Psalm spricht, sind im Schnitt geringer. Das 
gilt auch von dem Bilde zum Hohen Lied, dem aber die Schönheit der 
Empfindung trotzdem einen eigenen Zauber verleiht. ,,Mein Freund ist 
hinab gegangen in seinen Garten, zu den Wi"crzgärtlein, daß er sich weide 
unter den Gärten und Rosen breche. Mein Freund ist mein und ich bin 
sein, der unter den Rosen sich weidet")."' An diese Stelle ungefähr 
hat der Maler gedacht. Jm Gehege unter den Bäumen wandelt der könig- 
liche Jüngling hin, in prächtiger Tracht nnd mit der Lilienkrone auf dem 
wallenden Haar, in lauten Liebesklagen sich eingehend, nnd von ferne folgt 
ihm züchtig und sehnsüchtig die holde junge Maid. Jhre -Haltung und 
ihre Art zu gehen, richten sich noch ganz nach den mittelalterlichen An- 
standsregeln, die trotz veränderter Tracht und Sitte noch in den ersten 
Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts ihre Geltung behielten. ,,Mit einem 
lisen engen seht-ite kam Si dort her geslichen", wie der Dichter sagt, 
und ,,aufrecht, schön als eine Wiinschelgerte", wie man nach einer andern 
Stelle hinzusehen darf, gewiß der richtige Vergleich, denn an eine biegsame 
Gerte mahnt sie uns auch beim Aufreehtwandeln. Die leise geschwungene 
Haltung, welche im Mittelalter Mode war, hat sie sich Noth bewahrt. 
,,Ir wum1eclici1es h()ubet Da- truoo Si  enb0r", ohne das 
vorgeschriebene Niederschlagen der Augen zu versäumen. Und auch die Vor- 
schrift hat sie sich gemerkt: ,,I)in (-leider edel finde I-ich T:-at: v01-HE- 
    
 Cap. S, I und 2.
        

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