Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Holbein und seine Zeit
Person:
Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-939202
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3796052
Ueberflüfsige Deutungen. 
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mit dem Heiligen gewesen, welche man in jener Zeit sich nicht erlaubt 
hätte, welche besonders miser Bürgermeister sich nicht erlaubt haben würde, 
der sich hier recht entschieden zeigen wollte als den treuen Bekenner seines 
alten Glaubens in einer andersdenkenden Zeit.  
Hätte aber wirklich das dargestellt werden sollen, was die moderne 
Deutung behauptet, nämlich ein krankes Kind, das die Madonna tröstend 
oder heile11d in ihre Arme nimmt, so war Holbein wohl der Mann, um 
eine solche Vorstellung klar und sichtbar in. die Erscheinung zu rufen, so 
daß gar kein Zweifel Raum hätte. Holbein hätte es sich nicht nehmen 
lassen, das wie ein wirklich geschehenes Ereigniß darzustellen, welches als 
etwas Plö1zliches wirkt und alle Anwesenden auf die mannigfaltigste Art 
lebhaft in Anspruch nimmt. Er hätte die Uebrigen, namentlich die 
Mutter, zu dem Kinde in irgend eine besondere Beziehung gesetzt. 
Gerade die dramatische Bewegtheit nnd die lebhafte Schilderung des 
Geschehenden lernen wir in so vielen Werken als Holbeins eigentliches Ele- 
ment kennen. 
Bis jet,zt haben wir aber nur von der einen Hälfte dieser Deutung 
gesprochen, weil die andere sich so in das Ungereimte verliert, daß sich 
kaum darüber reden läßt. Man will niä)t nur in dem Knaben auf Marias 
Armen ein krankes Kind des Bürgermeisters erblicken, sondern behauptet 
zugleich, das andere nackte Knäblein, das unten steht, sei das Christus- 
kind, das die Jungfrau unterdeß auf den Boden gesetzt, um das andere 
zu sich zu nehmen. Dieser Gedanke verliert sich völlig in das Abgeschmackte. 
Käme die Madonna, um ein fremdes Kind in den Arm zu nehmen, so 
hätte sie ihr eigenes gleich von vornherein zu Hause lassen können, und 
geriethe nicht in die Versuchung, es so bei Seite zu stellen wie man gelegent- 
lich eine Geräthschaft aus der Hand legt. Wenn allerdings die eigene 
Mutter so mit dem göttlichen Kinde umgeht, dürfen wir uns nicht wun- 
dern, daß- ihr böses Beispiel die guten Sitten verdirbt, und die sonst so 
andächtige Stifterfamilie von dem kleinen Heiland auch nicht die mindeste 
Notiz nimmt, daß keiner ihn nur mit einem Blick ansieht, und der kniende 
blonde Jüngling ihn auf eine Weise, die doch die Vertraulichkeit etwas 
gar zu weit treibt, mit beiden Händen umfängt. Ja das Knäblein 
selbst macht auch gar keinen Versuch, die Rolle, die ihm aufgebürdet 
ist, nur einigermaßen zu erfüllen. An -Allem, was vorgeht, nimmt es 
keinen Theil, und ist ganz nach Kindesart heiter spielend mit sich selbst 
beschäftigt.
        

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