Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Holbein und seine Zeit
Person:
Woltmann, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-939202
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3792509
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I. Einleitung. 
bis zur Zehe; aus dem Leben, wie er es vor sich sah, hat er sie ge- 
griffen. Da ist jeder Stand, jedes Alter und Geschlecht. Redlich nnd 
fest, schlicht und treu giebt sieh ein jeder ganz wie er ist. Und nicht nur 
im Antlitz allein spricht sein Wesen sieh aus, sondern auch in Körper; 
Haltung und Geherde. Die Gewänder gleiten nicht mehr in weich-en 
Linien herab, sind nichttmehr, um Farbeneffecte hervorzubringen, dem 
Spiel des Zufalles überlassen, sondern bestreben sich, dem Charakter 
des Stoffes zu entsprechen und der Bewegung des Körpers zu folgen. 
Mönchskntte und einfaches Biirgerkleid, prächtiges Meßgewand, königE 
licher Ornat und spiegelnde Rüstung, Alles ist treu bis in das Kleinste" 
und Einzelne ausgebildet, während es sich dennoch harmonisch dem 
Ganzen unterzuordnen versteht. Nitht nur von den Gestalten gilt dies, 
auch von ihrer Umgebung. Für den alterthümlichen Goldgrund, welcher 
Alles in eine ideale Sphäre erhebt, ist die Zeit jetzt vorüber. Mitten in 
das tranliche bürgerliche Gemach oder in die freie Natur sind die Vorgänge 
versetzt. Ebenso wahr und so besonders wie die Personen ist jeder Halm 
Jund jedes Blättchen ausgebildet. In mildem Sonnenschein ruhen die 
hohen Waldesbäume, die moosbewachsenen Felsen und das fruchtbare Thal, 
mit dem breiten Silberstrom, der sich dazwischen entlangsehlingt, den StädtenF 
Schlössern und Abteien, die da beweisen, wie gut sich hier wohnen läßt, 
und dem fernen Schueegebirge am Horizont. 
Gegen diese Wahrheit und Treue tritt aber der geistige Gehalt nicht  
zurück, sondern offenbart sich in ungeahnter Großartigkeit. Vom höchsten 
religiösen Geiste ist das Ganze durchdrungen. Andacht hat Alles er-" 
griffen; Andacht zieht durch die demüthig milden Frauengesichter, durch die 
ernsten, bärtigeu Männerköpfe hin; die kühne Jugend und das nachdenkliche, 
wiirdige Alter, das schöne Weib und der kräftige Mann stehen in gleich 
feierlicher Begeisterung da. Ueberall, selbst im stillen Frieden der Natur 
ist die Nähe Gottes zu spüren. Jeder ist sich ihrer bewußt- Und ihrer 
Wirkung kann sich nichts entziehen; die kecke That hält inne, das Auf- 
bransen der Leidenschaften verstummt; ganz in das eigene Innere ziehen 
sich Alle zurück, um dem Herrn es darzubringen, vor dem ein jedes Herz 
skth anbetend neigt. Diese Alles beseelende Andacht verleiht der Kunst des 
Hubert van Eyck ihren hohen nnd eigenthii1nlichen Charakter, wäh1"eUd sie 
ihr zugleich die Grenze steckt. Sie bringt es mit sich, daß zum wahrhaft 
vollendeten Knnststyl ihm Eines, aber auch nur das Eine, die wiVklisI)e 
Handlung, fehlt.  So tritt der Meister uns in sekU9IU HUUpkWEVk SM-
        

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