Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst der christlichen Völker bis zum Ende des 15. Jahrhunderts
Person:
Woermann, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-930669
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3603177
Burgunds. 
Die romanische Bildnerei Südfra11kreichs und 
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Abteikirche von Vezelay. Das breite Bogenfeld des Hauptportals der Kathedrale von Autun 
trägt eine eindrucksvolle Darstellung des Jüngsten Gerichtes, die zu den berühmtesten Werken 
der romanischen Kunst Frankreichs gehört. Besonders charakteristisch ist die Seelenwägung 
dargestellt, bei der Engel und Teufel einander die armen Seelen streitig zu machen suchen. 
Am großartigsten aber ist das Vorhallenportal der Al1teikirche von Vezelay aus der ersten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Vildwerk geschmückt. Im Bogenfeld thront Christus in der 
Himmelsglorie, umgeben von lebhaft bewegten Aposteln, die ihm hnldigen. Am Mittelpfosten 
hält Johannes der Täufer Wache. Am Gewande stehen mächtige Apostelgestalten. Gerade 
hier erscheint der altbnrgundische Stil in seiner höchsten Blüte. Die Gestalten sind überlang 
und stark, aber unorganisch bewegt; die Gewänder ziehen sich über hervortretenden Körper: 
teilen zu Spiralen zusammen, und ihre Zipfel rollen sich flatternd auf. Auch das Haupt: 
haar und die Bärte der Apostel nehmen an dieser konventionellen Behandlung teil. Aber 
die innere Bewegung, die alles erfüllt, entschädigt für die manierierten Einzelheiten. 
Neben burgundifchem aber macht sich nordfranzösischer Einfluß CChartres, Le MansI im 
Bildwerk der Langseitenportale der Kathedrale zu Bonrges geltend, der doch noch südlich 
der Loire gelegenen Stadt. In den beiden Königinnen des Südportals erkennen wir die 
Kirche und die Synagoge, die nach Paul Webers Untersuchungen jetzt nicht mehr, wie die 
Heidenkirche und Iudenkirche der frühchristlichen Kunst, als Zwillingsschwestern, sondern als 
feindliche Gegnerinnen austreten. Im Bogenfeld ist die Anbetung der Könige dargestellt. 
Charakteristisch ist der Wechsel von Bildsäulen und Ziersäulen an den Türwandungen. 
Der Übergang zur gotisierenden Richtung vollzieht sich nach der Mitte des 12. Jahr: 
hunderts in der ganzen französischen Monumentalbildnerei. Wo bei dem gegenseitigen Reh: 
men und Geben die allerersten Anfänge liegen, ist schwer zu sagen. Wie in der Baukunst, 
wird die Bewegung, die dem Zeitgeist entsprach, auch in der Bildnerei an mehreren Orten 
zugleich zu ähnlichen Ergebnissen geführt haben. 
In kaum einem anderen Lande haben die Stürme, die die Menschheit von mittelalter: 
lichen Vorurteilen befreiten, so viele Kunstwerke des Mittelalters mit hinweggefegt wie in 
Frankreich. Verhältnisinäßig wenig nur hat sich daher auch in Südfrankreich und Burgnnd 
von den Werken der freien Bildnerei und der auf Grabdenkmäler, Reliquienkästen, Buch: 
deckel, Kirchenleuchter und Geräte jeder Art angewandten Plastik aus dem romanischen Zeit: 
alter erhalten. Nur aus den SchriftqUellen kennen wir Schöpfungen wie das Grabmal 
St. Frontis in Perigueux, das der Mönch Guinamand 1077 mit vielbewunderten Bild: 
merken schmückte, und das des hl. Lazarus in dessen Kirche zu Autnn, das der Mönch Martin 
1178 kunstreich gestaltete. Erhalten aber haben sich in der kaum noch zugänglichen Abteikirche 
Fontevrault CS. 168J einige Gräber der englisch:französischen Könige ans dem Hause Anjou: 
Plantagenet: in ruhigem Schlummer liegen Heinrich U. if 1189J Und s8T1I8 GEMCIhUU 
Eleonore von Guyenne cis 1199J auf ihren steinernen Lagern; allgemein, aber edel sind ihre 
Züge gehalten; herber, aber auch straffer und klarer ist der Faltenwurf im Gewande des 
Königs als in dem schon jüngeren, unruhigeren der Königin. Mit ernster Anmut im Antlitz, 
fThläft Richard Löwenherz if 1199J in den kalten Stein gebannt. In der Grabstat11eJsabeIlas 
von Angouleme, der 1218 gestorbenen Gemahlin Johanns 1., aber regt sich bereits, wenn 
TUcJ Noch erfolglos, der Trieb nach neuem Leben. Die besten Reste WUUUIkfther Kleinkunst 
Südfrankreichs, zugleich der Bronze: und der Goldschmiedeknnst, sind im Kirchenscha3 der 
Abteikirche zu Conques CAveyronJ wie durch ein Wunder der Plünderung der Jahrhunderte 
Kunstgeschichte. 1l. 12
        

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