Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die romantische Landschaft
Person:
Friedrich, Caspar David Fischer, Otto
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-929786
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-930219
auf uns wirkend, bald trübe, bald heiter uns stimmend, immer aber uns hoch über alles 
Gemeine erhebend durch die Anschauung der Göttlichkeit, das ist der schaffenden Macht 
im Menschen selbst. Denn eben dies ist es ja, wodurch uns die Kunst als Bermittlerin 
der Religion erscheint, daß sie die Urkraft und Seele der Welt, welche schwac:he mensch- 
liche Einsicht nicht im ganzen zu erfassen vermag, uns in einem Teilchen, das ist im 
Menschengeist, näher rückt und erkennen lehrt. Darum aber soll auch einesteils der 
Künstler in sich ein geheiligtes Gefäß erblicken, welches von allem Unreinen, Gemeinen 
und Frechen frei und unbefleckt bleiben muß, sowie andernteils das Kunstwerk aus 
demselben Grunde nie der Natur zu nahe treten, viel eher sich über sie erheben soll, 
damit das Erschaffen dieses Werkes durch den Geist des S)Nenschen nicht vergessen, die 
Beziehung auf den Menschen dadurch nicht verloren werde. 
In der freien, uns ganz objektiv erscheinenden Natur bemerken wir ein stilles, in 
sich gekehrtes, gleichförmiges, gefegmäßiges Leben: das Wechseln der Tages- und Jahres- 
zeiten, den Wolkenzug und alle Farbenpracht des Himmels, das Ebben und Fluten des 
Meeres, das langsame, aber unaufhaltsame Berwandeln der Erdoberfläche, das Ber- 
wittern nackter Felsgipfel, deren Körner alsbald herabgeschwemmt, allmählich fruchtbares 
Land erzeugen, das Entstehen der Quellen, nach den Richtungen der Gebirgszüge sich 
zu Bächen und endlich zu Strömen zusammenfindend H- alles folgt stillen und ewigen 
Gesetzen, deren Herrschaft wir zwar selbst mit untergehen sind, die uns trog jedem Wider- 
streben zwar mit sich fortziehen und, indem sie uns mit geheimer S)Tcacht die Blicke auf 
einen großen, ja ungeheuren Kreis von Naturereignissen zu wenden nötigen, uns von 
uns selbst abziehen, die eigene Kleinheit und Schwäche uns empfinden lafsend, deren 
Betrachtung jedoch zugleich auch die inneren Stürme besänftigend und auf alle Weise 
beruhigend wirken muß. Tritt dann hin auf den Gipfel des Gebirges, schau hin über 
die langen. Hügelreihen, betrachte das Fortziehen der Ströme und alle Herrlichkeit, 
welche Deinem Blick sich auftut, und welches Gefühl ergreift Dich?  Es ist eine stille 
Andacht in Dir, Du selbst verlierst Dich im unbegrenzten Raume, Dein ganzes Wesen 
erfährt eine stille Läuterung und Reinigung, Dein Jch verschwindet: Du bist nichts, 
Gott ist alles. 
Doch nicht bloß gewaltsame Größe, wie sie im Leben. eines Planeten erscheint- 
ebenso ein rechtes .Hinblicken auf das stille heitere Leben der Pflanzenwelt wirkt auf 
ähnliche Weise. Sieh, wie die Pflanze langsam, aber kräftig aus dem Boden sich erhebt, 
wie von Stufe zu Stufe ihre Blätter sich entfalten, in stiller Entwicklung vorwärts- 
schreitend zu Kelch und Blume sich verwandeln und endlich, im Samenkorn den Ring 
beschließend, zugleich wieder das EröHTnen eines neuen veranlassen. Finden wir uns nun 
von einer sich selbst überlassenen üppigen Pflanzenwelt umgeben, übersehen wir mit einem 
Blicke den verschiedenartigen Lebenslauf so vieler Gewächse, treffen wir sogar auf manche 
ehrwürdige Baumgestalt, deren Jahrhunderte umfassende Dauer uns fast an das nach 
Jahrtausenden wie nach Tagen zählende Leben der Erde erinnert, so erfahren wir eine 
Fischer. Caspar David Friedrich Z 
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