Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Hütten-Geheimniß vom gerechten Steinmetzen-Grund in seiner Entwicklung und Bedeutung für die Kirchliche Baukunst des Deutschen Mittelalters dargelegt durch Triangulatur-Studien an Denkmälern aus Hessen und den Nachbargebieten
Person:
Drach, Karl Alhard von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-904245
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-904477
Nun ist allerdings richtig, dasz in Cesariano,s Darlegung der an sich einfache Kern der Sache mit allerlei über- 
flüssigen Künsteleien verwickelt wird. Ob dieselben von seiner eigenen Erfindung sind oder bei den 
Epigonen der Gothik allgemeiner verbreitet waren, kann uns heute verhältnifzmäfzig gleichgültig sein. Denn 
es ist soeben (Marz1896) ein vollkommen authentisches Document von bedeutend höherem Alter an den Tag 
gekommen. Gleich im Anfangsstadium des Mailänder Dombaues entstand zwischen den einheimischen 
Architekten und den aus Deutschland berufenen ein heftiger Streit. Unter den Sachverständigen, deren 
Superarbitrium man einholte, befand sich der Piacentiner Gabriel Stornaloco ((expertus in arte geometrige)). Von 
diesem rührt die beistehendI) in verkleinertem Sacsimile (nach Beltrami) wiedergegebene Zeichnung her mit 
dem Datum a.1z91. Das erste Geschoß ist nach dem Schema des Kölner Doms proportionirt, d. i. drei 
nebeneinander gestellte gleichseitige Dreiecke bestimmen einerseits die Gesammtbreite der fünf Schiffe, anderseits 
die Höhe der ersten Krimpferlinie. Die weitere Entwicklung erfolgt nach einer anderen Idee als in Köln, 
aber immer streng triangulatorisch. Inwieweit die wirkliche Ausführung dem Schema Stornalocos ent- 
spricht, vermag ich, da mir eine zuverlässige Querschnittsaufnahme nicht zur Band ist, nicht zu sagen". 
,,Das zweite Document ist ebenfalls unanfechtbar. Es ist ein auf den Bau von S. Petronio in Bologna 
bezüglicher, im Jahre 1592 als Kupferstich verösfentlichter Risz2)  Der Bau von S. Petronio, in 
den ersten Vorbereitungen begonnen 1388 und bestimmt, die größte gothische Kirche nicht nur Italiens, sondern 
der Welt zu werden, war im Laufe des 15. Jahrhunderts in Stockung gekommen; gegen Ende des 
1S. entschied man sich, nachdem zahlreiche Projecte für den Ausbau umsonst aufgestellt waren, für die 
Vollendung, wenn auch in verkürzter Gestalt. Auszer dem Guerschiff und Chor, die definitiv aufgegeben 
wurden, fehlten noch die l?)ochwände und Gewölbe des Mittelschiffes. hierüber ents;oann sich ein unter leidenschaft- 
licher Theilnahme der Bevölkerung geführter Streit. Die eine Partei verlangte, dafz die ursprünglich beab- 
sichtigte, der ,,deutschen", d. i. gothischen Regel des gleichseitigen Dreiecks entsprechende Höhe beibehalten 
werde; die andere, an der Spitze der leitende Architekt Terribilia, wollte, theils aus dem bekannten Iäsafz der 
Renaisfancekünstler gegen den gothischen Sthl als solchen, theils aus wirklich sti(hhaltigen Gründen, die Gewölbe 
niedriger haben, und diese blieben, wenn auch mit einigen 5ugestc"indnissen, Sieger. Auf unserem Kupfer- 
stich nun giebt ein nicht näher bekannter Architekt Sriano Ambrosino eine Parallele, wie er in der Bei- 
schrift ausführt, zwischen dem neuen Gewölbe und dem triangulationsgerechten        Außerdem ent- 
heilt die Beischrift die Behauptung, alle alten Theile seien triangulirt gewesen." 
Leider liefern die drei Nachrichten, als schon der Zeit des 1Tiedergangs angehörig, nicht den Beweis, 
dafz in Deutschland zur Blüthezeit der Gothik ebendieselbe Regel der Triangulation gegolten habe; sie lassen 
uns auch darüber im Unklaren, wann und wie die Methode erfunden oder entstanden sei. Wcihlend 
zwischen den von Dehio in letzterer Beziehung angegebenen Möglichkeiten, die er als den ästhetisch-theo- 
retischen und den technisch-praktischen Gesichtspunkt bezeichnet, haben wir uns für die letztere Auf- 
fassung entschieden und daher von vornherein die Untersuchungen mit dem Gedanken begonnen, nicht nur 
mit dem gleichseitigen Dreieck zu operiren, sondern die Sache zu verallgemein"ern und auch zu versuchen, 
die Abmessungen der Baugliederungen als Resultate anderer geometrischer Constructionen festzustellen. Wird 
doch in der deutschen Vitruvausgabe des Rivius nicht nur vom ,,Teutschen Steinmetzen grund des 
Triangels" gesprochen, sondern auch die ,,Eigentliche auffreissung Geometrischer Architectonischer 
weiß eines gebews auß dem grund auffzuzihen, aus dem Circkel, Quadrat M? Triangel" erwähnt. 
Es zeigte sich denn auch schon bei unserem ersten Versuch mit der St. Elisabethkirche zu Marburg, 
von der zwar Schnaas e in seiner ,,Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter" rühmend sagt3): ,,Das Ganze 
trägt einen durchaus harmonischen, aber auch primitiven Charakter", dafz die Triangulationmit1zülfe 
des gleichseitigen Dreiecks es nicht vermag, alle Verhältnisse des Gebäudes zu erklären, sondern dafz 
für die 5acade, den jüngsten Bautheil an ihr, eine mit der Quadratur zusammenhcingende Methode, 
welche wir als F-Triangulatur einführen, bestimmend. gewesen ist. Dieselbe tritt bei der Pfarr- 
kirche St. Maria zu 5rankenberg in 1?)essen noch deutlicher hervor und zwar erweist sie sich als ein 
für die K)ochgothik charakteristisches Verfahren. Wir glauben darin den ,,Gerechten Teutschen Stein- 
metzen Grund", wie er in der Straszburger Bauhütte, deren Gauzeichen und Schlüssel aus der ,,Vierung", 
dem Ouadrat, abgeleitet waren, sich ausgebildet hatte, erkannt zu haben. Mit der Darlegung des darauf 
basirten 1ä)üttengeheimnisses schlieszen unsere Untersuchungen, obschon alles dafür spricht, dasz gegen Ende des 
14. Jahrhunderts complicirtere Vcrfahrungsweisen erdacht und zur Anwendung gekommen sind. 
1) Dieses 5acsimile findet sich als Sig.1 auf Tafel XxV1I.   
2) Derselbe ist der Dehio"sck2en Schrift als Fig- 94 auf Tafel XLIV beigegeben. 
s) S. 374, in .13d.111.
        

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