Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Münchener Bunte Mappe
Person:
Bernstein, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-895130
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-896087
Dianas JB2rsurljung. 
Ein JdYll von Wolfgang Kir"chbach. 
n des blauen Meeres Uferfelsen, 
Wo der Wald die hohen (Lichenwipfel, 
Zwischen ,0inien die Fichtenstämme 
Schattend auf die Wellensäume hinwarf, 
Tagerte verträumt ein Griechenjüngling. 
Als er nun so dämmernd auf die Ferne 
Sd)aute, wo das Meer die gleiche Eb"ne 
Tegte in die weite Himmelsbläue, 
Und im Duft die Jnselfelsen bläulich 
Schwindend und im Grund des Himmels wieder 
Aufgetaucht, dem klaren Blick erschienen, 
Il)echselnd vor der Augenwimper Zacken: 
Leise aus des Waldes ungewissem, 
Dunklem Rückwärts hört er eine Stimme 
Heiter lachen, wie vom Wind verhüllet. 
Und er lugte nur mit feinem Blinzeln, 
Als die Zweige über seinem Haupte 
Knackend sich zertheilten und das Antlitz 
Einer Nymphe auf ihn niederschaute. 
Als sie nun den Schlummerndeu erblickte, 
Faßte sie die Neubegier und völlig 
Trat die nackte Wilde auf den Mo0sgrund. 
Plötzlich pfiff sie leise durch die Zähne, 
Daß es durch die Waldesgründe schrillte, 
Und sie faßte mit den Händen haschend 
Nach dem letzten An des Eichenstammes, 
Der dem Jüngling seinen Schatten reichte. 
Wie die Katze krallt sie an die Zweige  
Kletter-nd sich und klammert mit den Zehen 
Ihren Mädchenfuß in das Geäste 
Höher, bis sie sich im Laubwerk setzte 
Und mit ihren weißen Zähnen pfeifend 
Uebermüthig schüttelte das Laubwerk. 
Leise blinzelte der Jüngling seitwärts, 
Wo des Baumes Schatten auf der Erde 
Schwankte, doch im Blätterschatten flattern 
Sah er ihrer Haare Weh"n, ihr Näslein, 
Sah die Schattenformen ihres Leibes 
Wohlgerui1det schwanken in der Sonne. 
Und er dachte in der Seele sinnend: 
,,Stille will ich, stille ruhn, als läg ich 
Schlummernd hier und will die Augen senken, 
Ueber mir die Schöne in dem Laubwerk 
Nicht zu sehn, nur ihres Schattens Schwanken." 
Als er dies betrachtet, nahten kichernd 
Und mit schlauen Blicken nackte Mädchen, 
Und sie stellten sich um ihn mit Neugier, 
Doch mit Eicheln warf vom Aste droben 
Nieder auf die Schwestern rasch die Nymphe, 
Und er sah der Eichel Schatten fallen 
Huschend übern Moosgrund ihm zur Seite, 
Ja, er sah der Nymphen Schattenhäupter 
Schwanken in der Scherze leichtem Beugen, 
Sah die runden Arme rasch beweget 
Zum Geplauder regen sich im Moosg1-und 
Und die zarten Fingerlein lebendig. 
Plötzlich aber auseinander huschten 
Auf dem Grund die weichen Körperschatteu 
Und es nahte langsam eine hohe, 
Aufgeschürzte Jungfrau, und der Jüngling 
Sah im Schatten einen Köcher schwanken 
Um der Jungfrau weichgeformten Rücken, 
Ja, als ob des Mondes Sichel schiene 
An dem nächtlich weiten, sinstren Himmel, 
Sah er eine Sichel auf dem Grunde 
Jn dem Schatten nahn des Diademes, 
Das der Jungfrau edlen Haarschmuck krönte. 
Und er schlug die Augen stille nieder, 
Selbst den Schatten nicht zu sehn der Jungfrau, 
Die der Scham und Keuschheit reine Göttin 
Von den Völkern ward und ihm verehret. 
Staunend aber stand Diana stille 
Vor des Jünglings herbem Kraftgebilde, 
Und sie setzte sich an seine Seite,  
Lange so den Schlummernden zu schauen. 
Wie sie nun in leis erregtem Busen 
Hegte schauend dieses Jünglings Antlitz, 
Streifte ihres Odems mildes Hauchen 
Leise über seine stummen Lippen. 
Und er dachte still in seiner Seele: 
,,Oeffne, öffne nur die Augen leise, 
Und verstohlen schaue an die Göttin, 
Daß du schauest ihrer Schönheit Bildung 
Zu dem Hauche, der dich lieblic2 anweht. 
Oeffne, öffne nur die Augen leise!-" 
Aber kaum gedacht, so strömt- ihm heftig 
pur-purgluth der süßen Scham in"s Antlitz; 
Mit geschloss"nen Augen lag er regl0s. 
Und die Göttin sah die Gluth, die jähe, 
Stürmen in sein Angesicht und jähe 
Uebergossen von der Jungfrau Gluthen 
Saß erschrocken sie mit bangem Busen. 
Und sie beugte sich mit rascher Lippe, 
Jhr Erröthen zu vergessen, nieder, 
Küßte rasch voll Leidenschaft den Jüngling. 
Und er öffnete die Augen leise 
Und er sah am Grund der Nymphen Schatten 
Starr wie Marmorfrauen, wie Gemälde 
Unbewegt, zusammen hingedränget: 
Sah die Göttin nicht als Schatten, sah sie 
 An in ihres Selbßes strenger Schönheit 
Still beseligt mit den Griechenaugen, 
Und er flüstert leise zu Diana: 
,,Sc1ließe, schließe nur die Augen leise, 
Niemand weiß es auf der weiten Erde, 
Jm Olympos Keiner von den Göttern. 
Schließe, schließe nur die Augen leise!"
        

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