Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Münchener Bunte Mappe
Person:
Bernstein, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-895130
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-895679
und es unter ihnen von seinem Schöpfer allgemein hieß: der hat Talent! Nur die damalige Kunstkritik fand 
diese ,,platte Wirklichkeit" doch gar zu gemein, was den Autor des Bildes nicht wenig verdroß. Wer aber 
war dieser Unbekannte? Unter dem Gemälde stund der Name Carl Spizweg. Nun kannte wohl Jedermann 
in der Neuhausergasse den Spezereiladen des einstigen Herrn Magistratsrathes und Landtagsabgeordneten dieses 
Namens, eines kürzlich verstorbenen, allgemein beliebten und hochangesehenen Mannes, aber Niemand wußte 
von einem Maler in dieser Familie. Endlich erfuhr man, daß er allerdings ein Sohn des Kaufmannes und 
derselbe sei, der in der Hofapotheke als ,,Subjekt" so viele rofige Mädchen durch seine Freundlichkeit angezogen, 
bis er, schon in die Dreißiger gelangt und nach glänzend bestandenem Examen zum ,,Provisor" avancirt, 
das Pillendrehen plötzlich satt bekommen habe. Ohne je die Akademie oder sonst eine Schule zu besuchen, 
vertauschte er den Mörser mit dem PinseI und bedeckte die Leinwand nicht mehr mit Pflastern, sondern 
mit Oelfarbe. 
Das that er denn fortan mit ewig gleich guter Laune, aber immer steigendem Erfolg. Schon das 
nächste Bild zeigte im glänzendsten Sonnenschein einen ganz mit Hemden und Leintüchern überdeckten WaschPlatz, 
dessen dicke Inhaberin den Inhalt ihres Korbes emsig auf die Stricke hing, bis sie zu ihrem nicht geringen 
Entsetzen auf einem der sonnbeglänzten Leintücher den blauen Schatten ihres nur an den Füßen üchtbaren, 
weil dahinter stehenden Töchterchens wahrnimmt, der von einem anderen blauen aber mit einem Casquet 
verzierten Schatten gerade geküßt wird. Diese boshafte Verrätherei der Sonne war abermals so drastisch 
dargestellt, daß Jedermann, der sie sah, darüber lachen mußte. Bald darauf folgte ein drittes Bild, welches 
uns einen stattlichen Wittwer mit rothen! Gesicht, dickem Genick und breiter Brust in tiefster Trauer vorfiihrte, 
wie er eben auf einer einsamen Bank im Schloßpark die Silhouette seiner dahingeschiedenen Gattin heraus- 
gezogen hat, um sich die Züge der Theuren wieder zu vergegenwärtigen. Unglücklicherweise passiren gerade 
in diesem Augenblick zwei Dämchen an ihm vorbei, die, wohl ob des staubigen Weges, ihre Kleider so in 
die Höhe zu nehmen genöthigt waren, daß dadurch zwei Paar allerliebste Wädchen sehr sichtbar wurden. 
Diese Naturerscheinung fesselt nun bei ihrem Auftauchen sofort die Aufmerksan1keit unseres treuen Wittwers 
so intensiv, daß er seiner Seligen für den Augenblick aber auch ganz und gar vergißt! 
Solcher Schnurren brachte der schalkhafte Künstler nunmehr nach und nach unzählige hervor, stellte 
sie aber, im Hinblick auf jene erste abfällige Kritik, nie mehr in München aus, so daß er bald auswärts, 
wo man sich um seine Bilder riß, viel bekannter wurde als in seiner Vaterstadt. Immer aber war die 
Charakteristik der Dargestellten vortrefflich gegeben, ihre Gestalt direkt aus dem Leben gegriffen und mit der 
landschaftlichen oder architektonischen Umgebung in die vollendetste Harmonie gesetzt. Ja es zeigte sich bald, 
daß dieser Maler, der nie akademischen Unterricht genossen, sich dennoch allmälig Schritt für Schritt zu einem 
unserer feinsten Coloristen ausbildete, wie ihm von Anfang an alles, was er Lustiges beobachtete, sofort zum 
Bilde von frappanter Gestalt ward. 
Es war um diese Zeit, d. h. vor einigen vierzig Jahren, daß ich, selber ein junger Anfänger, auch 
den Ukeister persönliä) kennen lernte, der mich schon so oft durch seinen harmlosen Humor entzückt hatte und 
nunmehr bei näherem Umgang mich bald überzeugte, wie man gewiß selten einen Künstler finden konnte, 
dessen Werke so ganz in Harmonie mit seiner Persönlichkeit gewesen wären. Zum Theil sind sie darum 
Selbstbekenntnisse voll bezaubernder Schalkheit oder wie die vielen burlesk phantastischen, dod7 immer voll 
feiner das Leben poetisch verklärenden Laune. Selber über dem Hin- und Herschwanken zwischen der Apotheke 
und dem Maleratelier ein Hagestolz geworden, sind es denn auch die tausendfachen Schrullen, Leiden und 
Verlegenheiten eines solchen, die einen Hauptstoff seiner lustigen Compositionen liefern. Da treten sie heute 
als Einsiedler in der Thebaischen Wüste, morgen als Registratoren am ZNünchener Aktentiskh oder im Haus- 
gärtchen, als Patres Kellermeister, wassertrinkende Poeten, alte Ofsiziere, Nachtwächter oder als fromme 
Prediger auf, die durch hübsche Beichtkinder in arge Bedrängniß gerathen. Ja sie werden als Astrologen 
und Zauberer, Zopfkünstler im Atelier, Bibliothekare auf der Leiter, ganz besonders aber als verliebte 
Apotheker-Subjekte und zärtliche Schreiber geschildert, welche durch ihr empfängliches Herz mancherlei Qualen 
verfallen. Dabei sonderte sich das bei dem sehr produktiven 2Naler bald in Jahrgänge ab, so daß er einmal 
einen ganzen Winter lauter Türken, einen zweiten lediglich Einsiedler malte, die sich bald selber in die Haare 
gerathen über der Exegese heiliger Schriften, ja einander die Bibel an den Kopf werfen, bald von weiblichen 
Besuchern mancherlei gefährliche Anfechtungen zu bestehen haben. Dann gerieth er eine Zeitlang Unter die 
fahrenden Comödianten -oder unter lauter Sommerfrischler und Bergfexe, bandelte mit Wunderdoktoren und 
schreckliche Tränke brauenden Hexen an oder nahm die Cooperatoren und Pfarrer in die Cur sammt ihren 
Haushälterinnen. Ebenso ließ er die herrlichen Gestalten der alten Reichsarmee und der verschiedenen Bürger- 
corps dienstlich und von den Uiühen des Berufs ausrastend die Musterung passiren oder die reichste Auswahl 
von Muükanten, sentimentalen Flötenspielern und durstigen Trompetern Ständchen im Mondschein bringen. 
Kurz kein Stand, kein Land und keine Zeit entgingen ihm, von den altegYptischen Priestern bis zu den
        

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