Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aufsätze zur Kunst
Person:
Grimm, Herman Steig, Reinhold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-885480
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3585088
wären wie die Werke des Künstlers, die er anfeindet und be: 
neidet. Aber der Buchstabe ist tot, und das Wort ist lebendig. 
So verächtlich das Handwerk erscheint, welches Kunst sein 
möchte, so ehrenvoll ist es, wenn es bei dem bleibt, was 
seinem Kreise anheimfällt. Es wurzelt im Volke, es hat einen 
goldenen Boden. Wir bedürfen seiner, es bedingt unsre Exi: 
stenz, wir wären körperlich nichts ohne es, wie wir nichts 
geistig wären ohne die Kunst; und wie Körper und Geist sich 
nicht scheiden lassen, so Kunst und Handwerk; sie gehen Arm 
in Arm, sie brauchen einander, aber sie sind nicht dasselbe. 
Es gibt keine Kunst, der nicht ein gleichnamiges Handwerk 
zur Seite ginge, wie es kein Ding gibt, das nicht von zwei 
Seiten anzusehen wäre: einmal auf seine irdische Entstehung 
hin, dann aber auf seinen geistigen Rang unter den Erschei: 
nungen, auf seine Schönheit.  
Die Schönheit hat keinen Zweck, sie ist da, sie begrenzt 
sich selber, so das Werk des Künstlers; die Nü3lichkeit muß 
den Zweck außer sich suchen und verdient ihr Lob erst, wenn 
sie ihn erreicht hat. Ein Künstler kann gedacht werden, der 
einsam in einer Wüste arbeitend eine Statue schafft von voll: 
kommener Schönheit, ohne zu fragen, ob ein anderer als er 
und das Licht des Tages sie betrachten; ein Handwerker, der 
einsam fortarbeitete, ist ein Unding, ein Töpfer, der aufs Ge: 
ratewohl Gefäße formt, deren keiner bediirftig ist. Und dennoch 
sind die Gefäße, die man braucht und fortwirft, einer dop: 
pelten Betrachtung fähig. Wertlos im höheren Sinne zu der 
Zeit ihrer Niiglichkeit, werden sie nach tausend Jahren zu 
Monumenten vergangener Kultur, und der Geist des Volkes 
redet aus ihnen. So aus den handwerksmäßigen Malereien 
der Ägypter, ja aus den einfachen Verzierungen alter ger: 
manischer Aschenkrtige. Denn auch das Handwerk hat einen 
Geist, den unbewußten Geist eines Volkes im allgemeinen, der 
Künstler aber steht über seinem Volke und seiner Zeit, und 
was er hervorbringt, ist ein Symbol eigner Gedanken, die er 
seinem Volke als Geschenk in den Schoß wirft. 
Wo also die Kunst betrachtet wird, muß auch das Hand: 
Werk betrachtet werden, aber man muß sie unterscheiden, denn 
es entsteht sonst eine Verwirrung, welche das eine wie das 
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