Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aufsätze zur Kunst
Person:
Grimm, Herman Steig, Reinhold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-885480
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3585333
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einer so großartigen Handlungsweise fähig. Daß man das 
Allgemeine in den speziellen Fall konzentrierte, ist nur eine 
Folge jener rätseIhaft mythischen Tätigkeit, welche den Menschen 
unbewußt innewohnend an dem Leben großer Männer und an 
den bedeutenden Ereignissen der Entwicklung eines Volkes so 
lange formt und dichtet, bis sie in Einklang mit dem Jdeale 
der Nationen gebracht sind. Das Vorgefallene ruht nicht schwer 
und unveränderlich im Schoße der allgemeinen Erinnerung, 
sondern, wie das Meer die Steine, wirft sie die Tatsachen hin 
und her, bis sie sich abrunden und eine neue Gestalt annehmen. 
Das Gedächtnis des Menschengeschlechtes duldet keine all: 
gemeinen Züge, sondern verlangt bestimmte anschauliche Fälle; 
wo diese fehlen, werden sie erfunden und sind plötzlich da, ohne 
daß man weiß, woher sie gekommen sind. EorneilIe starb in 
Dürftigkeit. Das steht fest, aber was will das sagen2 Man 
verlangt einen handgreiflichen Beweis und erzählt nun, er sei 
so arm gewesen, daß er sich zuletzt nicht einmal ein Paar 
Schuhe habe kaufen können. 
Bei SchilIers Tode fehlte das Geld, um den Sarg zu 
b.ezahlen. Goethe läßt sich mit seiner Frau unter dem Donner 
der Kanonen von Jena trauen. Francesco Francia stirbt aus 
Gram, als er Raffaels heilige Eäcilia erblickt; Nacine aus 
Kummer, beim Könige in Ungnade gefallen zu sein. Belisar 
geht smit ausgestochenen Augen bettelnd durch das Land; 
Philipp von Spanien läßt den Don Carlos töten; Napoleon 
schreitet mit der Fahne in der Hand über die Brücke von 
Arcole den österreichischen Kanonen in den Nachen; Cambronne 
sagt: die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht; oder um in 
entferntere Zeiten zu gehn: auf einem Wandgemälde sehen wir 
einen ägyptischen König mit einem Hiebe einigen Dutzend Ge: 
fangenen die Köpfe herunterschlagen. 
Alles das ist gelogen. Es wuchs wie Unkraut auf unter 
dem Weizen: keiner hat es gesäet, und es hat kein Recht auf 
den Boden, wo es steht. Aber es ist nicht auszurotten. Immer 
wieder stehen die blauen und roten Blumen im Korne. Vieles 
aber, was wir als ausgemacht und fest ansehen, mag nicht viel 
mehr wert sein, und es kommt selten ein historisches Buch her: 
aus, das nicht in dieser Hinsicht die Geschichte korrigierte.
        

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