Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aufsätze zur Kunst
Person:
Grimm, Herman Steig, Reinhold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-885480
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3587419
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währende innerliche Arbeit. Die Jdeen drängten sich bei ihm. 
Bestellungen, besonders englischer Kunstfreunde, lieferten ihm 
das tägliche Auskommen, sein bedeutendstes Werk schuf er jetzt, 
glücklicherweise durch den von Goethe bewirkten Ankauf des 
Earstensschen Nachlasses für Deutschland erhalten: Homer, der 
den versammelten Griechen seine Lieder singt. 
Ich glaube, wenn jemals die Weihe der Dichtkunst im 
Bilde verherrlicht werden konnte, so ist es hier geschehen. 
Raffaels Parnaß verglichen mit diesem Werke erscheint wie 
eine leichte italienische Melodie neben einer Symphonie von 
Beethoven. Was Weimar heute besonders sehenswert macht, 
sind die vier Blätter, auf denen Carstens in feinster Aus: 
fiihrung in Notstein diese Komposition dargestellt hat. 
Homer, mit erhobenem Arme, die blinden Augen begeistert 
zum Himmel gerichtet, die Lippen zum Gesange geöffnet, steht 
inmitten eines, dem Zuschauer entgegen, aufgetanen Halbkreises 
zuhörender Griechen. 
Carstens hat mit besonderer Vorliebe die Gewalt des 
Gesanges auf die Menschen zum Ausdruck gebracht. Er ist 
unerschöpflich in der Darstellung entzückt lauschender Gestalten. 
Der fingende Orpheus in der Höhle Chirons war, wie gesagt 
worden ist, vielleicht sein Lieblingsblatt. Alpin und Ossian 
hat er gemalt, die sich gegenseitig zur Harfe singen. Orpheus 
dann wieder, wie Jason ihn zur Teilnahme am Zuge auf: 
fordert. Orpheus noch einmal, wie er beim Bau der Argo 
durch Gesang die Arbeit erleichtert. Sein Homer aber besitzt 
nicht nur die Schönheiten dieser früheren Kompositionen, son: 
dern so viel Neues dazu, daß er, wie ein Denkmal der nach 
langem Harren endlich durch den Beifall eines seiner würdigen 
Publikums über sich selbst erhobenen Tätigkeit, klar zeigt, 
welchen Schritt Carstens vorwärts getan, und ahnen läßt, 
welche Laufbahn er noch vor sich gehabt, wäre nicht dieser 
Ausfschwung seines Wesens zugleich sein Schwanengesang ge: 
we en. 
So betrachtet gewinnt das Werk höhere Bedeutung. Alles, 
was Carstens an Armut und Elend erduldet sein Leben lang, 
um dann nur ein einziges Mal Cwie Homer sein Volk ents 
ziickteJ an der Schwelle des Todes in vollem Maße die Macht
        

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