Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aufsätze zur Kunst
Person:
Grimm, Herman Steig, Reinhold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-885480
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3587277
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Durch Vermittlung von Freunden nämlich war bei dem 
damals berühmten, in Kassel wohnenden Maler Tischbein an: 
gefragt worden, ob er ihn in die Lehre nehmen wolle. Dieser 
verlangte Verpflichtung auf sieben Jahre, Lehrgeld nicht, wohl 
aber die Dienste seines Schülers als eines Bedienten. Dies 
nun hätte Earstens erduldet, aber daß er auch erforderlichen: 
falls hinten auf der Kutsche stehen sollte, wenn der Geheimerat 
Tischbein ausfuhr, schien dem jungen Menschen zu stark, und er 
wies den Vorschlag von der Hand. 
Bei seinem Eintritte nun in die Eckernförder Weinhand: 
lung hatte er den Entschluß gefaßt, der Kunst zu entsagen. 
Fünf Jahre hielt er so aus. Allerlei Gemaltes, das ihm hier 
und da zu Gesichte kam, auch kunsthistorische Bücher nährten 
in der Stille seine alte Leidenschaft, allein er überwand sie, 
wie er sich vorgenommen. Da, durch ein zufälliges Gespräch 
wird ihm klar, daß seine Vormiinder gar nicht das Recht ge: 
habt, so gegen seinen ausgesprochenen Willen über ihn zu ver: 
fügen, und von diesem Moment an stand fest, daß er fich 
losmachen müsse. Keine Vorstellungen vermochten ihn jetzt zu 
halten. Er macht sich los und geht nach Kopenhagen. 
Hier war das Antikenkabinett mit seinen Originalen und 
Abgüssen der erste große Anblick, der ihm zuteil ward und 
dem er sich so vollständig hingab, daß er ganze Tage in 
diesen Räumen zubrachte und fich, wenn die öffentlichen Stun: 
den vorüber waren, darin einschließen ließ. 
Hier nun zeigt sich ein zweites, das seine ganze Richtung 
für die Zukunft kennzeichnet: er fühlte vorerst nur den Trieb, 
zu sehen, keineswegs den, zu kopieren. Er betrachtete nur. Er 
umging die Werke und suchte sie sich in jeder Weise einzu: 
prägen. Es schien ihm überflüssig, diese Eindrücke auf Papier 
zu bringen. Und dabei war er bereits zweiundzwanzig Jahre 
alt und hatte so gut wie nichts getan bis dahin. 
Wir sind imstande, den Bildungsgang der meisten großen 
Künstler zu verfolgen. Wir wissen, wie sie schrittweise fich von 
der Nachahmung bedeutender Vorbilder losmachten. Diese Nach: 
ahmung zuerst ist unerläßlich; ohne sie keine Entwickelung; an 
einer bestimmten Stelle muß man Wurzel schlagen zuerst; 
Carstens dagegen stellt sich frei dem ganzen Vorrat des Vor:
        

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