Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aufsätze zur Kunst
Person:
Grimm, Herman Steig, Reinhold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-885480
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3586904
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Tagebuches, wo er bei der Nachricht von Luthers Gefangen: 
nehmung Cals man ihn auf die Wartburg bvachteJ in Klagen 
ausbricht über den Verlust dieses Mannes. Beim Lesen dieser 
einfachen Worte, die in ein Gebet auslaufen: Gott möge Mit: 
leid haben mit dem Zustande Deutschlands, fühlt man, in: 
mitten welches Volkes Luther aufstund. 
Wir End daran gewöhnt, die Reformation als eine aus 
literarischen Anfängen zumeist erwachsende Bewegung anzusehn. 
Die politischen, national:ökonomischen, moralischen Triebfedern, 
deren Zusammenwirken den großen Effekt hervorbrachten, sind 
oft untersucht worden. Welche Rolle die Kunst hier spielte 
jedoch, wird dann erst zu allgemeinem Bewußtsein kommen, 
wenn der Einfluß der religiösen Kunst in Deutschland und ihr 
Geartetsein bis auf Dürer im Zusammenhange mit der Ge: 
schichte eingehender untersucht und dargelegt worden ist. 
Vor der Neformation kamen die Gedanken der Religion 
und ihr geschichtlich gestalteter Inhalt dem Volke in hohem 
Grade durch die Kunst zur Erscheinung. Gemalte Wände ver: 
traten die Stelle der Bücher. Es gibt einen alten italienischen 
Kupferstich, den Maler Apelles darstellend, mit der Unterschrift 
Apelle p0eta tacente, ,,Apelles, der ohne Worte dichteteE. 
Diese Dichtung ohne Worte war damals so verständlich als 
die sich der Sprache bedienende. Bauten zur Ehre Gottes 
und zum Ruhme der Bürgerschaft, mit kleinen Meisterwerken 
von Geräten, Bildhauerstücken und Malereien gefüllt bis zum 
Überfließen, waren Ausbrüche dieser schweigenden Art, eine 
Fülle von Gedanken zur Darstellung zu bringen, Äußerungen 
der Andacht, der Kraft, des Stolzes, die man heute anders 
als in gefügten Sagen zu erkennen zu geben nicht für tunlich 
hielte. Die Statue eines Mannes, heute ein ehrenvoller Schmuck, 
der aber, wenn er fehlte, den Mann nicht um eines Strohhalms 
Breite niedriger erscheinen ließe, war damals ein Denkmal, das 
wirklicher und wahrhaftiger die Verehrung des Volkes aussprach 
und erzeugte. Keine literarische Form wäre damals imstande 
gewesen, eine Charakterschilderung zu liefern, wie Dürers oder 
Naffaels Bildnisse sie geben. Man hätte in Rom wie in 
Deutschland für unmöglich gehalten, mit Worten das zu er: 
reichen, was mit Farben so zustande kam; wie uns heute un:
        

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