Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aufsätze zur Kunst
Person:
Grimm, Herman Steig, Reinhold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-885480
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3586043
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schaffenheit von Gesichtszügen kann ja immer nur bis auf einen 
gewissen Grad beschrieben werden, und man läßt sich hier leicht 
zu mehr fortreißen, als gestattet sein möchte: aber darin glaube 
ich nicht zu irren, wenn ich Nasfaels Bestreben hier erkenne, 
Petrus als den Repräsentanten der in sich beruhenden Energie, 
Paulus als den Vertreter des schwärmerischen Studiums, ver: 
banden jedoch mit nicht minderer Kraft, hinzustellen. Der Blick 
überwältigender Erfahrung, der aus Petrus, Augen uns anrührt, 
würde, wenn Paulus den seinigen ebenfalls auf uns richtete, 
ihm fehlen. Wir dürfen nicht vergessen, daß für die katholische 
Kirche Paulus nicht nur der gleichsam studierte Soldat Cwie 
Schwert und Buch andeutenJ, sondern auch der bis in die 
letzten Himmelsräume entrückte Visionär gewesen ist. Eins der 
Gedichte Raffaels selber beginnt mit den Worten, wie Paulus, 
nachdem er die Geheimnisse Gottes erschaut, geschwiegen habe, 
IV solle auch sein Mund geschlossen sein über das, was er bei 
seiner Geliebten erfahren habe. Ersichtlich ist auf dem Gemälde 
die Mühe sowohl als das Können, mit dem Naffael die beiden 
Apostel ausführte, die, rein künstlerisch betrachtet, in ihrem 
männlichen Ernste zur Madonna und den beiden weiblichen 
Heiligen neben ihrem Throne einen wirksamen Gegensatz bilden. 
Auf der Disputa begegnen wir Paulus und Petrus nun 
öUM zweiten Male, in so ganz verschiedener Gestalt aber, daß 
die Unbefangenheit, mit der Naffael die heiligen Personen in 
ihrer äußeren Erscheinung stets dem kiinstlerischen Bedürfnisse 
dienstbar macht, hier recht hervortritt. Als Greise nehmen sie 
hiiben und drüben die ersten Plätze neben den auf der Wolken: 
bank siHenden Himmelsbewohnern ein. Wie wenig Naffael 
gewillt gewesen sei, damit aber einen festen Typus zu schaffen, 
läßt die im zweiten vatikanischen Gemach später ausgefithrte 
Freske: ,,Attila vor Roma erkennen. Paulus und Petrus 
ftürmen hier mit geziickten Schwertern zum Schuhe der heiligen 
Stadt vom Himmel herab, als kraftvolle Männer mit wehendem 
Haar und Bärten, völlig geeignet noch, das Schwert nicht nur 
ZU zeigen, sondern auch zu gebrauchen. 
Jn reiner Jugendkraft dagegen erblicken wir Paulus neben 
des für Bologna gemalten und dort jetzt wieder heimischen 
Heiligen Cäcilia, deren Lob aus Goethes Munde, der sie vor 
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