Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Gesellen- und Meisterprüfung
Person:
Baer, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-854676
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-856452
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Erfolgt die Kündigung, weil der Handlungsgehilfe durch unver- 
schuldetes Unglück längere Zeit an der Verrichtung seiner Dienste ver- 
hindert ist, so behält er seinen Anspruch auf Gehalt und Unterhalt, 
jedoch nicht über die Dauer von 6 Wochen hinaus, ohne Anrechnung 
der UnterstüZung aus der Kranken- oder Unfallkasse. 
(Wichtig ist der oben schon erwähnte s616 des Bürgerlichen 
Geseßbuches auch für den Handwerker: ,,Der zur Dienstleistung Ver-. 
pflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, 
daß er eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner 
Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung 
verhindert wird. Der Dicnstverpslichtcte muß sich jedoch den Betrag an- 
rechnen lassen, welcher ihm für die Zeit der Verhinderuug aus einer aus 
Grund gesetzlicher Verpflichtung bestehenden Kranken- und Unfallversicherung 
znkommt." Zu den Fällen, welche unter diesen Paragraphen fallen, 
sind zu rechnen: unverschuldete Krankheit des Gesellen oder Arbeiters 
oder seiner Angehörigen, Niederkunft der Frau, militärische Übungen, 
Kontrolloersammlungen, Feuerwehrpflicht, gerichtliche Vorladungen oder 
Vernehmungen, unverschuldete Untersuchungshaft 2c. Mehrfach schon 
sind Handwerksmeister durch Entscheidungen der Gewerbegerichte ange- 
halten worden, den Gesellen während mehrwöchiger Militärübung aus- 
zulohnen. Da aber damit für den Kleinmeister eine nicht unerhebliche 
Belastung gegeben ist, tut er wohl gut daran, von vornherein durch 
Vereinbarung die Wirkung des H 616 aufzuheben , indem er vertrags- 
mäßig bestimmt, daß nur für die wirklichen Leistungen Zahlung erfolgen 
soll. Es ist wohl nicht anzunehmen, daß ein solcher Vertrag geseZlich 
als ungültig zu bezeichnen ist, wenn auch dem langjährigen treuen 
Gehilfen gegenüber der Meister aus sozialpolitischen Rücksichten und 
Gründen der Humanität sich zur Leistung bestimmen lassen wird.) 
Einrichtungen, den natürlichen Gang der Lohnbildung zu ver- 
hindern, sind obrigkeitliche Lohntaxen, die aber als unbrauchbar wohl 
allgemein abgeschafft sind. Hingegen besitzen die Arbeiter ein heute noch 
in dieser Beziehung wirksames Mittel in dem seit 1869 in Deutschland 
anerkannten Koalitionsrecht, d. h. in der Befugnis, sieh gegen einen 
gemeinschaftlichen Gegner, hier den Arbeitgeber, zu vereinigen. Zu 
Grunde liegt solchen Bestrebungen der Arbeiter leider immer noch das 
Bewußtsein, eine eigene Klasse mit eigenem Klassenbewußtsein und 
eigenem Klasseninteresse zu bilden, und in den Arbeitseiustellungen 
(Streiks) und in der Vereinigung zu Arbeitseinstellungsvereinen (Streik- 
vereinen) erblicken sie geeignete Mittel zur Besserung ihrer Lage. Eine 
Arbeitseinstellung ist aber in Wahrheit ein zweischneidiges Schwert, 
das wohl meistens die Arbeiter selbst in ausgiebigster Weise schädigt. 
Die Gewerbege-richte können in ihrer Eigenschaft als Einigungsiimter in 
allen angeführten Beziehungen das Ersprießlichste leisten- Es 152 und 153
        

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