Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Briefe an die Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle
Person:
Lichtwark, Alfred Pauli, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-844728
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-848327
ferne Waldhänge mit weißen Flecken von Schlössern und Klöstern 
herein. Es ist ein Stück heimlichen und friedlichen Lebens ganz 
deutsch in der Behaglichkeit, Sauberkeit und Gepflegtheit. 
Dann ziehen sich die Mauern zu einem Thor zusammen. Über 
eine Brücke führt der Pfad auf eine zweite, etwas kleinere und 
noch stärker beseitigte Plattform mit Mauern, Thürmen, Ka- 
pellen. Wieder eine Brücke und man sieht im Hof des eigent- 
lichen alten Schlosses, das wie eine Gallion Vorragt. Hier ist 
das äußersie aufgeboten, was die mittelalterliche Befesiigungs- 
kunfi ersinnen konnte. Noch heute überkommt einen, wenn man 
sich vor die kleinen Fenster in die tiefen Fensternischen setzt und 
von hoch oben auf die starke Befestigung der Vorburg hinab- 
und über das Thal in die Ferne der anmuthiges: Landschaft sieht, 
ein Gefühl von Sicherheit und Entrücktheit. Alles ist wohl er- 
halten, die Thore, die Zwinger und die Mauern, die an den 
Berglehnen hinauf klettern und sich scharf an den Abhängen 
entlang ziehend, jeder Windung folgend. Unten ist im Thal ein 
Nebenfluß der Salzach zu einem langen See aufgeitaut, der als 
Burggraben dient. Ich habe noch nie eine so ungeheure mittel- 
alterliche Befestigung so wohl erhalten gesehen. Nur die höl- 
zernen Wehrgänge hinter den Mauern sind abgebrochen. Die 
Fülle der malerischen Motive, die das heutige Kleinleben in 
seiner Anpassung an die Ecken und Winkel der gewaltigen alten 
Mauerwerke erzeugt hat, läßt sich nicht ausdenken. In der 
Gallerie saßen die Schüler des Gynmasiums mit ihrem Lehrer 
und kopirten Kopien nach van Oyck, die da zu Dutzenden her- 
umhangen. Nachher ging ich noch einmal durch die Stadt. Auch 
hier Fronleichnamstag. Alle Straßen mit einem zolldicken Tep- 
pich von Gras und Wiesenblumen bedeckt für die Prozession. 
Alle Häuser mit Kränzen von Tannen und mit Maibäumen ge- 
schmückt, alle kleinen Mädchen, auch die zweijährigen Krabauter, 
mit dicken Kränzen und rothen und weißen Rosen im Haar, die 
Kirchen in einen Wald von Maibäumen verwandelt. 
In der .Hauptkirche sah ich eine furchtbar grausige Reliquie. 
Wie Dornrdschen im Glassarg ein ruhendes Gerippe in könig- 
lichen Gewändern mit einer goldenen Märtyrerkrone auf dem 
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